Staatsanwaltschaft weitet Untersuchungen aus – Zivilklage gegen Investmentbank Salomon Smith Barney
Druck auf Wall-Street-Analysten verschärft sich

Die Diskussion um fragwürdige Empfehlungen von Analysten während der Spekulationsblase zieht neue Kreise. Vor allem der Interessenkonflikt der Analysten von Investmentbanken gerät in die Schusslinie.

NEW YORK. Die Attacken gegen Wall-Street-Analysten und ihre fragwürdigen Empfehlungen während der High-Tech-Blase erreichen einen neuen Höhepunkt. Nach einer gerichtlichen Anordnung gegen die Investmentbank Merrill Lynch müssen nun auch andere Investmentbanken mit solchen Verfügungen rechnen. Außerdem hat ein geschädigter Investor gegen den Telekom-Staranalysten Jack Grubman von der Investmentbank Salomon Smith Barney Klage eingereicht. Auch die Wertpapier-Aufsichtsbehörde SEC zieht Konsequenzen: Sie arbeitete derzeit an Reformen, welche die Interessenkonflikte der Analysten verringern sollen.

Während der Spekulationsblase hatten vor allem Internet- und Telekom-Analysten Aktien noch zum Kauf angeboten, als ihr Kurs sich längst im Absturz befand. Der 60-jährige Fernseh-Cutter George Zicarelli behauptet jetzt in einer Klage gegen die Investmentbank Salomon Smith Barney, er habe nach allzu optimistischen Berichten über den inzwischen pleite gegangenen Telekom-Ausrüster Global Crossing sein gesamtes Vermögen von 455 000 $ verloren. Jetzt verlangt er 10 Mill. $ Schmerzensgeld. Die Global-Crossing-Aktie hatte einst 64 $ gekostet und ist nach dem Konkurs nur noch Pfennige wert. Analyst Jack Grubman, dessen Einkünfte der Kläger auf 20 Mill. $ pro Jahr schätzt, hatte Global Crossing noch zum Kauf empfohlen, als die Aktie bereits 80 % ihres Wertes verloren hatte. Seine Bank war am Börsengang des Unternehmens beteiligt.

Einige Experten fordern nun als Konsequenz, die Research-Abteilungen ganz abzuschaffen oder aus den Investmentbanken auszugliedern. "Wozu Research-Abteilungen, wenn ich den Berichten ihrer Analysten keinen Glauben schenken kann", fragt etwa Research-Direktorin Nell Minow vom Forschungs-Institut Corporate Library in Washington, das sich mit Unternehmens-Ethik beschäftigt. Auch der New Yorker Generalstaatsanwalt Eliot Spitzer verlangte in Verhandlungen mit Merrill Lynch eine Abspaltung. Doch die Bank wehrt sich. Der Grund: Eine auf sich gestellte Division könne nicht profitabel sein. Jetzt hat Spitzer eine Verfügung erwirkt, wonach Merrill Lynch Investmentbanking-Interessen in den Analyse-Berichten aufführen muss.

Die Staatsanwaltschaft hat gegen eine ganze Reihe weitere Firmen ähnlich Untersuchungen eingeleitet. Bei den Nachforschungen der Staatsanwaltschaft war zu Tage getreten, dass Merrill-Analysten Internet-Aktien in internen e-Mails als "Ramsch" bezeichnet hatten, während sie die Papiere noch zum Kauf empfahlen. Auch die Wertpapier-Aufsicht SEC und die Broker-Vereinigung NASD haben Untersuchungen zur Rolle der Analysten eingeleitet. Die NASD und die New Yorker Börse schlagen vor, dass die Kompensation von Analysten nicht mehr an die Einkünfte der Investmentbanking-Abteilungen gekoppelt sein darf.

"Solche Reformvorschläge gehen an der Wirklichkeit vorbei", kritisiert Finanz-Professor Roy Smith von der New York University. "Investmentbanking und Research waren an der Wall Street schon immer eng gekoppelt." Jeder Firmenkunde erwarte von seiner Investmentbank auch Analystenberichte zum Unternehmen, wenn er den Auftrag für die Betreuung eines Börsengangs vergibt. Smith glaubt, die gegenwärtigen Gesetzes-Regeln reichten aus. "Die Wall Street Firmen sind mit den laufenden Verfahren genug gestraft. Sie werden alles tun, um solche Vorkommnisse künftig zu vermeiden."

Tatsächlich sind die jüngsten Entwicklungen für die Geldinstitute peinlich und teuer. Vor der gerichtlichen Anordnung gegen Merrill Lynch musste die Bank bereits im Rahmen der Zivilklage eines geschädigten Investors 400 000 $ zahlen. Im Fall Grubman dürfte die Staatsanwaltschaft jetzt nachziehen und auch gegen Salomon Smith Barney Untersuchungen einleiten. Währenddessen bemühen sich die Investmentbanken selbst darum, Interessenkonflikte abzubauen. Merrill Lynch hat ihren Analysten untersagt, Aktien zu besitzen, über die sie Berichte schreiben. Solche freiwilligen Einschränkungen haben bisher jedoch nicht viel genützt. An der Wall Street raten trotz des schwachen Aktienmarkts nur 2,6 % aller Analysten-Berichte zum Verkauf einer Aktie.

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