Staatschefs diskutieren wieder und Schröder schaut zu
Chirac präsentiert Bush seine Welt

Würden Jacques Chirac und George W. Bush jeder eine Weltkarte zeichnen, sähen ihre Skizzen wohl sehr unterschiedlich aus. Frankreichs Präsident würde Europa ebenso groß einzeichnen wie die USA, aber auch auf Augenhöhe mit China und Indien - "multipolar" eben. Für den US-Präsidenten würde hingegen ein riesiges Amerika die Weltkarte bestimmen - mit China als potenziellem Herausforderer, Europa aber als unbedeutender Weltprovinz. "Unipolar" eben.

PARIS/BERLIN. Zwei Weltentwürfe prallen aufeinander, wenn Chirac Bush am Sonntag zum Treffen der acht größten Industrieländer (G8) in Evian-les-Bains empfängt. Im Irak-Konflikt haben sich beide verkracht, weil Chirac für eine Welt plädierte, in der das Recht regiert, Bush sich aber für eine entschied, in der das Recht des Stärkeren gilt. Seit dem Ende der Kämpfe im Irak reden sie zwar wieder miteinander. Doch ihre gegensätzlichen Welten bestehen weiter. Chirac fürchtet die "Uniformierung der Welt" und stemmt sich gegen die US-Übermacht; Bush fürchtet die "Achse des Bösen" und droht dem Iran.

Um dem Gast aus Amerika seine "multipolare Welt" zu präsentieren, lud Chirac sie einfach ein: 21 Staats- und Regierungschefs - die Vertreter von 80 % der Weltbevölkerung - hat Frankreichs Präsident zu Palaver und Fototermin am Genfer See gebeten. So muss Bush auch mit den Präsidenten Chinas, Brasiliens und Nigerias, dem indischen Ministerpräsidenten, dem marokkanischen König oder dem Kronprinzen Saudi-Arabiens Hände schütteln. Chirac setzt große Hoffnungen in diese Erweiterung des Gipfels: "Die G8 ist sicher kein Direktorium für die Welt, sie kann aber wichtige Impulse geben."

Auch Gerhard Schröder wird natürlich dabei sein. Für den Bundeskanzler ist Chiracs plakativer Weltengipfel knifflig, sitzt er doch eingeklemmt zwischen Chirac und Bush. Offiziell steht Deutschland wie in der Irak-Debatte eng an der Seite Frankreichs. "Unsere Vorstellung von der Weltordnung ist keine unipolare, sondern eine multipolare", lautet das Kanzler-Credo. Aber seit Wochen müht sich Schröder, die Beziehungen zu den USA zu entkrampfen: Er empfing US-Außenminister Colin Powell in Berlin und sandte Wirtschaftsminister Wolfgang Clement nach Washington.

Dennoch ist Deutschland außenpolitisch geschwächt. "Schröder mag in Evian auf demselben Foto sein wie Chirac und Bush, aber er wird politisch in der zweiten Reihe stehen", sagt Hanns W. Maull, Professor für Internationale Politik an der Universität Trier. "Und Schröder steht auch nicht, er rudert zurück." Deutschland sei international "fast eine vernachlässigbare Größe" geworden, beklagt Maull, auch weil die schlechten Beziehungen zwischen Schröder und Bush die Beziehungen ihrer Länder weiter trübten. Ein bilaterales Gespräch zwischen Schröder und Bush wird es daher auf dem G8-Gipfel nicht geben.

Chirac hingegen trifft Bush zum Tête-à-Tête. Nach ihrem monatelangen Tauziehen über die Entwaffnung von Saddam Hussein wollen beide wieder Normalität inszenieren. Verbal wird ihnen die Verständigung leicht fallen, denn Amerika-Fan Chirac, der als junger Mann in den USA Fast Food verkaufte und beinahe eine Amerikanerin geheiratet hätte, spricht gut Englisch.

Um das Eis zu brechen, rief Chirac Bush jüngst zweimal an und stimmte vor einer Woche im Uno-Sicherheitsrat - wie Schröder - für die Aufhebung der Sanktionen gegen den Irak, obwohl die Rolle, die Bush den Vereinten Nationen beim Wiederaufbau des Iraks gestattet, weit hinter dem zurückbleibt, was Chirac ihnen als zentralem Akteur seiner multipolaren Welt einräumen wollte.

Auch in Evian dürfte die Verständigung in vielen Sachfragen schwierig werden. Frankreichs Präsident will den G8-Gipfel ganz ins Zeichen von Entwicklung, Umwelt und Kampf gegen Epidemien stellen - die Themen, die seine Welt "solidarisch" zusammenhalten sollen. US-Präsident Bush spricht lieber über die Weltwirtschaft, den Terrorismus und die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen - die Prioritäten seiner Welt.

Beide Weltentwürfe sind für den Außenpolitikexperten Maull lückenhaft. "Bush überschätzt die Möglichkeiten militärischer Macht und unterschätzt die Bedeutung internationaler Kooperation. Chirac überschätzt den politischen Willen Europas zu einer eigenständigen Weltpolitik und unterschätzt die Gefahren des Terrorismus."

Viel Zeit werden Chirac und Bush in Evian nicht haben, ihre Weltkarten abzugleichen. Der US-Präsident fliegt schon am Montagnachmittag, nach der Hälfte des Gipfels, weiter Richtung Nahost.

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