Staatsmacht hat versagt
Hintergrund: Tschetschenen bringen Krieg zurück

Die Geiselnahme in einer Moskauer Konzerthalle hat die Menschen in Russland mit aller Brutalität an einen beinahe vergessenen Krieg im eigenen Land erinnert. Seit mehr als drei Jahren kämpft die russische Armee in der abtrünnigen Kaukasusrepublik Tschetschenien ohne sichtbaren Erfolg gegen versprengte Rebellenverbände. Schwer bewaffnete Rebellen haben nun den Krieg zurück nach Moskau getragen.

dpa/HB MOSKAU. Fassungslos reagierten Moskauer Bürger auf das Geschehen in ihrer Stadt. "Wie können Dutzende tschetschenische Rebellen einfach so durch Moskau ziehen und ungehindert eine Konzerthalle stürmen", fragten sich die Menschen auf der Straße. Seit Jahren führt die Moskauer Polizei berüchtigte Razzien gegen Menschen "kaukasischen Aussehens" durch. Doch in diesem Fall versagte die Staatsmacht.

Nicht nur in der Hauptstadt Moskau werden Erinnerungen wach an die Bombenanschläge vom Herbst 1999. Damals sprengten Unbekannte mehrere Wohnhäuser in russischen Städten in die Luft, einige hundert Bewohner kamen ums Leben. Die Behörden kündigten damals an, die Täter schnell in den Kreisen der tschetschenischen Rebellen auszumachen. Doch bis heute sind die angeblichen Schuldigen nicht gefasst.

Seit 1999 zieht der so genannte zweite Tschetschenienkrieg 1500 Kilometer südlich von Moskau seine blutige Spur. Die Bilanz der vergangenen Jahre ist niederschmetternd. Zehntausende Menschen haben in den Bergen des Kaukasus ihr Leben verloren. Das Sterben geht unvermindert weiter. Nach Berichten von Menschenrechtsorganisationen werden jeden Monat in Tschetschenien zwischen 50 und 80 Zivilisten getötet.

Tschetschenienkrieg ist nicht zu gewinnen

Der Tschetschenienkrieg ist nach Ansicht westlicher Militärexperten nicht zu gewinnen. Bereits vor langem haben sich die Rebellen in die Berge zurückgezogen und führen mit Anschlägen und Überfällen aus dem Hinterhalt einen Partisanenkrieg. Im August schossen Freischärler einen russischen Transport-Hubschrauber in unmittelbarer Nähe des Stützpunktes Chankala ab. 118 Soldaten kamen dabei ums Leben.

Präsident Wladimir Putin ist in der Tschetschenien-Frage unerbittlich. Die Rebellen sind für ihn Terroristen, mit denen man nicht verhandeln dürfe. Die einzige Lösung sei die Kapitulation der Rebellen. Kritiker werfen dem Kreml dabei seit langem vor, die Augen vor einem Gewaltregime der russischen Armee im Kaukasus zu verschließen. Immer wieder berichten tschetschenische Zivilisten von "Säuberungsaktionen", bei denen Dörfer von Soldaten durchkämmt werden. Menschen würden verschleppt und später nur gegen ein Lösegeld wieder freigelassen.

Einige Rebellengruppen, die in Verbindung mit internationalen islamistischen Terrorgruppen stehen, sind im eigenen Bergland nicht weniger gefürchtet. Immer wieder erschießen die Freischärler Glaubensbrüder, die sie der Kollaboration mit den Russen verdächtigen.

Die Bemühungen einzelner russischer Politiker um eine Wiederaufnahme von Friedensgesprächen werden vom Kreml torpediert. Für Putin zählen die tschetschenischen Rebellen zu einem weltumspannenden Netz internationaler Terroristen vom Schlage Osama bin Ladens und der El-Kaida-Organisation.

Liberale Politiker sehen in dem blutigen Tschetschenien-Konflikt dagegen ein hausgemachtes Problem. Seit dem Einmarsch der russischen Armee im 19. Jahrhundert in den Kaukasus haben sich Generationen von Russen und Tschetschenen hasserfüllt gegenübergestanden. Mit der Geiselnahme von Moskau schwindet die Hoffnung auf einen Frieden an der empfindlichen Südflanke Russlands.

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