Staatsunternehmen schlagen Private dank hohem Ölpreis und Beteiligungsverkauf
Krise deckt Schwächen des Italo-Kapitalismus auf

Ausgerechnet teilstaatliche Konzerne wie die Ölgesellschaft Eni und der Stromversorger Enel erzielten zuletzt Rekordergewinne. Dennoch befinden sich die großen italienischen Unternehmen in einer tiefen Krise. Trotz steigender Umsätze sinkt der Gewinn - und die Schulden steigen.

mab MAILAND. Italiens Großunternehmen durchschiffen schwere Wasser. Verantwortlich dafür ist nicht nur die stockende Weltwirtschaft - Gründe müssen die Industriekapitäne auch im eigenen Haus suchen. Die tiefe Krise des lange Jahren führenden Konzerns des Landes, dem Autohersteller Fiat, deckt schonungslos die Schwächen von Italiens Kapitalismus auf: geringe Wettbewerbsfähigkeit, starke Fixierung auf den Heimatmarkt, wenig Investitionen in Technologie und ineffiziente Eigentümerstrukturen. Allzu viele Unternehmen weisen diese Symptome auf, um dem System einen guten Gesundheitszustand attestieren zu können.

Die Fakten: Laut einer Studie der Mailänder Investmentbank Mediobanca hat der Umsatz der größten 35 Unternehmen des Landes im vergangenen Jahr zwar um rund 4 % zugelegt, die Gewinne sind aber deutlich geschrumpft. Die operativen Ergebnisse lagen im Schnitt 16 % unter jenen des Vorjahres, auf Nettobasis beträgt das Minus sogar 27 %. Die Schulden sind hingegen um mehr als 10 % gestiegen. Die Daten der ersten beiden Quartale dieses Jahres deuten auf eine Fortsetzung dieses Trends hin - 2002 wird für Italiens "Big Business" noch schwächer als 2001.

Bei einem genaueren Blick offenbaren sich beachtliche Unterschiede: Erstens ist das verarbeitende Gewerbe klar von den anderen Branchen wie den Versorgern und Dienstleistern aus dem Feld geschlagen worden. Zweitens haben von der öffentlichen Hand kontrollierte Gruppen das vergangene Jahr wesentlich besser gemeistert als privatwirtschaftliche Konzerne. Allen voran konnte der teilstaatliche Mineralölkonzern Eni - mittlerweile auch schwerster Wert im Mailänder Leitindex MIB 30 - alle Rekorde brechen: Mit 7,75 Mrd. Euro erwirtschaftete er 2001 den höchsten Nettogewinn eines Unternehmens in der italienischen Wirtschaftsgeschichte. Dem in diesem Frühjahr für eine weitere Amtsperiode bestätigten Vorstandschef Vittorio Mincato half dabei der hohe Ölpreis. Dennoch ist das Ergebnis auch Zeichen einer erfolgreichen Stand-Alone Strategie, die in den Zeiten der Mega-Fusionen unter den Ölkonzernen von vielen Experten kritisiert worden war.

Zweiter Goldesel unter Italiens Top-Konzernen ist der noch zu 68 % vom Schatzamt kontrollierte Stromversorger Enel. Durch den Verkauf von Stromerzeugungskapazitäten hat sich der Gewinn fast verdreifacht (4,23 Mrd. Euro). Dem Vorstandschef Franco Tatò nutzte das wenig: Der germanophile Manager wurde wegen politischer Differenzen mit der Regierung Berlusconi aus seinem Sessel gekegelt und gegen den anglophilen Paolo Scaroni, bislang Chef des britischen Glasherstellers Pilkington, ausgetauscht.

Das sind Probleme, von denen die Fiat-Familie Agnelli nur träumen kann. Zwar hat sie Ende 2001 den Chef der heruntergewirtschafteten Autosparte, Roberto Testore, und später auch noch den Vorstandschef Paolo Cantarella in die Wüste geschickt: Licht am Ende des Tunnels ist dennoch nicht in Sicht. 2002 schrieb der Konzen 900 Mill. Euro Verlust - und in diesem wird er vermutlich noch höher ausfallen. Fiat reagiert, wie viele andere italienische Unternehmen auch reagieren: Sie verkaufen Beteiligungen und machen mit außerordentlichen Erlösen Kasse. Einen ähnlichen Weg hat auch die neue Führung der Telecom Italia eingeschlagen, um die Schuldenlast zu senken. Mit Erfolg haben die Mannen um Pirelli und Telecom-Boss Marco Tronchetti Provera die Bilanz geputzt, so dass sich darin nicht mehr viele Leichen des Vorgängers Roberto Colaninno verstecken dürften. Allerdings ist das Portfolio nach dem großen Ausmisten erheblich geschrumpft. In diesen Krisenzeiten konzentrieren sich die Italo-Konzerne also mehr und mehr auf das Kerngeschäft und geben Auslandsaktivitäten ab - und sind noch den Beweis schuldig, dass diese Strategie auch langfristig Erfolg hat.

Lernen können die Großunternehmen vom hoch vernetzten Mittelstand Italiens, der mehr und mehr zum Wachstumsmotor Italiens wird. Bereits Anfang der 90er Jahre analysierte Michael Porter, Wirtschaftswissenschaftler aus Harvard, das Phänomen der "Distretti Industriali" (Cluster). Seine Folgerung: Cluster funktionieren ähnlich wie Großunternehmen. Sie sind komplexe Gebilde, bei denen ein Rad ins andere greift. Wesentlicher Unterschied: Die Cluster bildenden Firmen machen sich gegenseitig Konkurrenz und sind daher viel leistungsfähiger und flexibler als Abteilungen eines Konzerns.

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