Stabiler Kapitalgeber steht auch für unkonventionelle Lösungen zur Verfügung
Wenn die Nachfolger fehlen

Familiengeführte Unternehmen können in eine ernste Schieflage geraten, wenn sie das Nachfolgeproblem nicht oder zu spät lösen. Besonders kritisch kann es werden, wenn keine natürlichen Nachfolger vorhanden sind. Das Beispiel der Berliner Willy Vogel AG zeigt, dass auch ungewöhnliche Lösungen möglich sind.

BERLIN. Lotte Vogel war eine stolze Frau. Nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1941, der seit den 30er-Jahren des vorigen Jahrhunderts in Berlin zentrale Schmieranlagen für Werkzeugmaschinen produzierte, hatte sie die Geschäfte einem tüchtigen Fremdgeschäftsführer übertragen. Obwohl sie vom eigentlichen Gegenstand des Unternehmens kaum etwas verstand, wäre eines niemals für sie in Frage gekommen: Das Lebenswerk ihres verstorbenen Mannes zu verkaufen, obwohl ihre Ehe kinderlos geblieben war und somit keine natürlichen Nachfolger zur Verfügung standen.

Nach ihrer Rückkehr aus einem tschechischen Internierungslager, in das sie die Wirren des Krieges verschlagen hatte, kümmerte sich die Patronin im Stile einer guten Familienunternehmerin um ihre Mitarbeiter. Sie nannte jeden beim Namen und nahm regen Anteil an dem Schicksal "ihrer" Arbeiter und Angestellten. Das Wirtschaftswunder nahm auch für die Willy Vogel AG seinen Lauf und in den 70er-Jahren stieg das Unternehmen unaufhaltsam zum Weltmarktführer auf. Im Jahr 1988, Lotte Vogel hatte kurz zuvor ihren 90. Geburtstag gefeiert, entschied sie sich für den späten Ruhestand und begab sich auf die Suche nach einem Investor.

Und so kam Joachim Simmroß, Vorstandsmitglied der Wagniskapitalgesellschaft Hannover Finanz GmbH ins Gespräch mit Lotte Vogel. Die "Chemie" zwischen den Verhandlungspartnern stimmte. Denn Simmroß gab das heilige Versprechen, die Identität des Unternehmens zu erhalten. Nach kurzer Zeit wechselte die Willy Vogel AG für 92 Mill. DM den Eigentümer.

Die Hannover Finanz schnürte ein Paket aus Anteilen für mehrere Beteiligungsgesellschaften. Auch für das Management wurde ein Anteil von 10 % reserviert. , und Joachim Simmroß wurde zum Chef des Aufsichtsrats bestimmt. Als Lotte Vogel im vergangenen Jahr im biblischen Alter von 103 Jahren starb, schlief sie für immer ein mit der Gewissheit, dass sie das Andenken an ihren Gatten auf vorzügliche Weise bewahrt hatte.

"Heute würden wir solch langfristige Verpflichtungen nicht mehr ohne weiteres eingehen", erklärt Joachim Simmroß. Heutzutage redet Simmroß mit Unternehmen über ein "Exit", dem geordneten Ausstieg aus einer Investition, "in fünf, sieben oder zehn Jahren".

Seit fünf Jahren führt Vorstandsvorsitzender Manfred E. Neubert das operative Geschäft der Vogel-Gruppe mit einem Jahresumsatz von 125 Mill. Euro und insgesamt 1 100 Mitarbeitern. Der kaufmännische Kopf der Vogel AG zeigt sich über das Verhältnis zum Kapitalgeber zufrieden: "Die Gewinne blieben weitgehend im Unternehmen. Dadurch ist unsere Internationalisierungsstrategie der letzten Jahre erst möglich geworden."

Die Hannover Finanz verhält sich eben - ganz im Sinne ihrer Anleger - "sehr konservativ". Und darauf ist Vogel-Aufsichtsratsvorsitzender Simmroß auch ein bisschen stolz. Kürzlich trennte sich das Wagniskapitalunternehmen von seiner 38-prozentigen Beteiligung an der Drogeriemarktkette Rossmann - 22 Jahre nach dem Einstieg als Investor.

Quelle: Handelsblatt

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