Stabswechsel beim Modekonzern
Boss-Probleme überschatten Baldessarini-Abschied

Überschattet vom Verdacht auf Manipulationen bei seiner US-Vertriebstochter hat der Metzinger Modekonzern Hugo Boss am Dienstag den Stabwechsel an der Spitze von Werner Baldessarini auf Bruno Sälzer vollzogen.

Reuters STUTTGART. Nach knapp vier Jahren als Vorstandschef des Konzerns machte der 57-jährige Baldessarini auf der Hauptversammlung am Dienstag in Stuttgart Platz für seinen bisherigen Stellvertreter Sälzer. Nach elf Jahren stetiger Zuwächse erwartet Boss in diesem Jahr einen Gewinnrückgang um elf Prozent, nachdem bei der US-Tochter bisher unerklärte Inventurdifferenzen aufgetreten waren. Sälzer beruhigte die verunsicherten Aktionäre: Mehr Risiken seien aus den Unregelmäßigkeiten in den USA nicht zu erwarten.

Bereits im vergangenen Jahr seien bei der Vertriebstochter in den USA zu hohe Warenbestände im Lager ausgewiesen worden. Zudem seien Rückstellungen für Preisnachlässe und Retouren zu gering dotiert worden, erläuterte Sälzer. Boss-Finanzvorstand Jörg-Viggo Müller sagte der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" zu den Fehlbeständen, die sich in der Bilanz mit sechs Millionen Euro niederschlagen: "Diese kann man auch absichtlich herbei führen." Das Risiko daraus sei durch die am Montag überraschend um zwölf Millionen auf 95 Millionen Euro nach unten korrigierte Gewinnprognose für 2002 abgedeckt, sagte der neue Vorstandschef.

Schlamperei oder Betrug?

Die beiden Führungskräfte der US-Tochter waren vor zwei Wochen freigestellt worden. Sie würden aber keines Vergehens beschuldigt, so lange die Untersuchungen andauerten, betonte Sälzer. Es handele sich um ein schwebendes Verfahren, wies er Forderungen von Kleinaktionären nach Aufklärung zurück. "War es Betrug, war es Schlamperei" fragte eine aufgeregte Aktionärin. Die Ursache der Bestandsdifferenzen soll bis Ende nächster Woche ermittelt werden, sagte Sälzer. Dann werde auch über die Zukunft der US-Manager entschieden.

Aktionärsvertreter kritisierten die nach ihrer Ansicht verspätete Information über die Vorkommnisse. Der Boss-Aktienkurs war nach Veröffentlichungen amerikanischer Textil-Magazinen schon vor der Ergebniswarnung eingebrochen. Die Aktionäre verabschiedeten Baldessarini mit Beifall und wählten ihn in den Aufsichtsrat. Der gelernte Textil-Kaufmann aus dem österreichischen Kufstein war nach seiner Ausbildung beim Herrenausstatter Hirmer in München 1975 zu Boss gekommen und 1988 in den Vorstand aufgerückt.

Mehrheitsaktionär Pietro Graf Marzotto würdigte die Leistung von Baldessarini. Er bedauere den Abschied, sagte der Italiener. Marzotto hält 78 Prozent der Stämme und 22 Prozent der Vorzugsaktien von Hugo Boss. "Er ist weltweit der größte Fashion-Guru überhaupt", würdigte sein bisheriger Kollege im Vorstand und Nachfolger den scheidenden Boss-Chef.

"Sie können sich vorstellen, dass ich nach 27 Jahren bei Hugo Boss sehr an diesem Unternehmen hänge. Dennoch habe ich mich entschlossen, dass ich mich zukünftig mehr dem Luxusfaktor Zeit widmen möchte", sagte Baldessarini selbst. Chefdesigner der Boss-Marke "Baldessarini" wolle er aber bleiben.

Verluste der Damen-Linie halten an

Sälzer muss nach dem Einstieg in das Damenmode-Geschäft mit "Boss Woman" in der Sparte auch im nächsten Jahr noch mit einem Verlust rechnen. Der Verlust solle aber 2002 und 2003 mit Hilfe von Einsparungen reduziert werden, sagte er. Nach dem Umzug von Mailand an den Unternehmenssitz nach Metzingen arbeiteten noch 70 Mitarbeiter für Boss Woman, vorher waren es noch 116. Nach einer Stagnation im Jahr 2002 soll mit einer neuen Kollektion für Herbst/Winter 2003 auch der Umsatz wieder anziehen.

Die bisher fremd vergebenen Textil-Lizenzen für Unterwäsche (an Schiesser), für Socken (Falke) und für Strickwaren (Fuzzi) will Sälzer zurückholen. Bis zum Ende des Jahres soll zunächst das Unterwäsche-Geschäft übernommen werden. "In der Lifestyle- Strategie gehören diese Produktgruppen in unser Kerngeschäft", sagte Sälzer. Sälzer ist seit November 1998 Stellvertreter von Baldessarini, 1995 war er vom Hamburger Haarpflege-Hersteller Schwarzkopf zu Boss gewechselt.

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