„Stadt des Spitzenreiters“
Grün-weiße Gemeinsamkeiten

Wolfsburg bleibt durch das 3:0 gegen Stuttgart Tabellenführer und wandelt auf den Spuren von Meister Bremen. Trotz des Erfolgs bleiben die Wolfsburger bescheiden.

WOLFSBURG. Es war im vergangenen Herbst, als die Stadt einen neuen Namen bekam. Für einige Wochen wurde aus Wolfsburg "Golfsburg", ein Marketinggag des Volkswagen-Konzerns. In diesem Herbst hat die Stadt einen neuen Beinamen. Doch sind diesmal nicht Autos, sondern Fußballer das bestimmende Thema. "Stadt des Spitzenreiters" vermeldet die "Wolfsburger Allgemeine" täglich im Zeitungskopf.

Schon seit Wochen steht der VfL Wolfsburg an der Tabellenspitze der Bundesliga. Das überzeugende 3:0 am Samstag gegen den Tabellendritten VfB Stuttgart hat bewiesen, dass die Mannschaft zurecht Erster ist. Von Beginn an kontrollierte der Tabellenführer das Spiel, war sicher in der Defensive und erzielte immer genau dann, wenn es nötig wurde, sehenswerte Tore durch Thomas Brdaric und zweimal Martin Petrow. Bei Petrows Toren hatten sich seine Stuttgarter Gegenspieler so angestellt, als wären sie geradewegs vom vor dem Spiel ausgetragenen Jugend-Cup verpflichtet worden. Es war ein Sieg, den in dieser Deutlichkeit kaum jemand erwartet hatte.

Noch bleiben sie in Wolfsburg trotz des Erfolges bescheiden. "Niemand verlangt von uns, Deutscher Meister zu werden", sagte Mittelfeldspieler Pablo Thiam. "Die Situation an der Tabellenspitze kann sich schnell verändern", betonte Manager Klaus Fuchs. Die Gelassenheit im Umgang mit der Tabellenführung erinnert an die vergangene Saison bei Meister Werder Bremen. Da hatte es bei den Verantwortlichen noch am 25. Spieltag für Unruhe gesorgt, dass einige Spieler im Überschwang von elf Punkten Vorsprung vor den Bayern in der Kabine das Wort "Meister" in den Mund genommen hatten.

Werder 2003 und Wolfsburg 2004 haben mehr Gemeinsamkeiten, als nur das "W" im grün-weißen Vereinswappen. Wie Wolfsburg übernahm auch Werder früh in der Saison die Tabellenführung - und während die Konkurrenz sich einredete, dass den Bremern die Erfahrung im Meisterschaftskampf fehle, bauten sie die Führung immer weiter aus. Gegen Stuttgart zeigte der VfL Wolfsburg außerdem eine Spielfreude, wie sie in der vergangenen Saison nur beim SV Werder zu beobachten war.

Vor allem aber muss Wolfsburg anders als Bremen, Stuttgart, Schalke oder Bayern, nicht im Europapokal antreten. Was die Bremer im vergangenen Jahr beim 0:4 gegen den österreichischen Provinzclub Superfund Pasching erlebten - eine Blamage, die das Aus im UI-Cup bedeutete, sich später aber als Vorteil im Kampf um die Meisterschaft herausstellte - das ereilte Wolfsburg in der Schweiz beim FC Thun. Mit einem 1:4 schied das Team aus dem Wettbewerb aus. Hinzu kam das Aus im DFB-Pokal trotz eines Sieges gegen die Amateure des 1. FC Köln, weil die Wolfsburger den nicht spielberechtigten Marian Hristow eingesetzt hatten. Wenig später eroberte die Mannschaft die Tabellenspitze der Bundesliga.

Stuttgart musste zweieinhalb Tage vor dem Spiel in Wolfsburg noch im Pokal in München antreten. Die Wolfsburger konnten sich ausruhen. Am Samstag war das möglicherweise der entscheidende Vorteil "Wenn du im Rhythmus Donnerstag, Sonntag, Mittwoch, Samstag spielst, ist das eben schwierig", sagte Stuttgarts Trainer Matthias Sammer. Nach dem 0:3 im Pokal habe seine Mannschaft in Wolfsburg eine Trotzreaktion zeigen wollen, "aber das haben sich die Wolfsburger wohl auch vorgenommen", sagte Sammer. Tatsächlich erinnerte beim VfL Wolfsburg nichts an das 0:4 am vergangenen Spieltag in Nürnberg. "Das war taktisch unser bestes Saisonspiel", sagte Trainer Erik Gerets.

In vier Wochen beginnt die Winterpause. Während die Konkurrenz sich vom Spielplan erholt, kann sich Wolfsburg vielleicht schon mit einem neuen, offiziellen Titel schmücken: Stadt des Deutschen FußballHerbstmeisters 2004.

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