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Stadt in der Stadt - 40 Jahre Märkisches Viertel in Berlin

Berlin (dpa) - «Betonwüste», «Wohnsilo vom Reißbrett» und «menschenverachtende Trabantenstadt» - der Ruf des Märkischen Viertels im Norden Berlins war jahrzehntelang schlecht. 35 in- und ausländische Architekten, darunter Werner Düttmann, Oswald M. Ungers und Chen Kuen Lee, machten das Märkische Viertel in den 60er und 70er Jahren zu einem der umstrittensten Wohnungsbauprojekte der alten Bundesrepublik.

Berlin (dpa) - «Betonwüste», «Wohnsilo vom Reißbrett» und «menschenverachtende Trabantenstadt» - der Ruf des Märkischen Viertels im Norden Berlins war jahrzehntelang schlecht. 35 in- und ausländische Architekten, darunter Werner Düttmann, Oswald M. Ungers und Chen Kuen Lee, machten das Märkische Viertel in den 60er und 70er Jahren zu einem der umstrittensten Wohnungsbauprojekte der alten Bundesrepublik.

Vom «Scheitern des neuen Bauens» war damals die Rede. 40 Jahre nach dem Skandal leben rund 40 000 Menschen in der bekanntesten deutschen Groß-Siedlung - die meisten von ihnen fühlen sich in der einst geschmähten Wohngegend wohl.

Am 1. August 1964 zogen die ersten Mieter ein. Seitdem hat sich das Märkische Viertel zu einer Stadt in der Stadt entwickelt. Weiß, gelb und rot angemalte Hochhäuser strecken sich mit bis zu 20 Geschossen in den Himmel. Einige der Bauten ziehen sich über 700 Meter in die Breite, dazwischen kleine Wege, viel Grün. In engen Aufzügen fährt man hinauf, anonym wirkende Flure empfangen den Besucher, vor manchen Wohnungstüren stehen Skateboards oder Turnschuhe, Kinder grüßen freundlich.

Aus 90 000 Fenster blicken die Bewohner auf ihr Viertel: Es gibt 272 Spielplätze, 7250 Bäume, 18 Kindertagesstätten, 6 Kirchen und 3 Seniorenwohnhäuser. 1000 verschiedene Grundrisse haben die 16 000 Wohneinheiten, die fast alle Sozialwohnungen sind. Rentner, Mütter mit Kindern, aber auch viele arbeitslose Männer und Frauen treffen sich an Wochentagen im Einkaufszentrum, das den Mittelpunkt der Siedlung bildet.

«Jeder zweite Erwachsene ist nicht oder nicht mehr erwerbstätig, das ist viel», sagt Beatrice Kindler, Sprecherin der Wohnungsbaugesellschaft Gesobau, der die meisten der Wohnungen gehören. «Jeder 5. Haushalt muss mit geringem Einkommen auskommen.» 21 Jahre bleiben die Bewohner durchschnittlich in der Siedlung wohnen. Ein Drittel der Mieter sind inzwischen 60 Jahre und älter.

Die 33-jährige Diana Kornow ist mit ihren 3 Kindern erst vor einem Jahr ins Märkische Viertel gezogen. Vorher hat sie «in der Stadt» gewohnt, im Stadtteil Wilmersdorf. «Da waren alle sehr versnobt», sagt die allein erziehende Mutter. Mit ihren drei dunkelhäutigen Kindern habe sie dort auch immer wieder Ausländerfeindlichkeit erlebt. «Im Märkischen Viertel gefällt es uns, es ist eine gute Mischung.» Der Ausländeranteil hier liegt mit 8 Prozent unter dem Berliner Durchschnitt von 13 Prozent.

Die Gebärdendolmetscherin Jovanka Taric ist selbst im Märkischen Viertel aufgewachsen und mit ihren eigenen Kindern ganz bewusst dorthin zurückgezogen. «Ich will nicht, dass meine Kinder in Watte gepackt aufwachsen», sagt die 43-Jährige und erzählt von den Menschen unterschiedlichster Herkunft, die hier wohnen. Was sie nicht mag ist, wenn Betrunkene in die Aufzüge pinkeln oder Jugendliche in den Hauseingängen randalieren.

Dennoch: 85 Prozent der Bewohner sind nach einer Gesobau-Umfrage zufrieden mit ihrem Leben im «MV», wie sie es nennen. Die Gesobau tut viel. «Wir verwalten nicht, wir betreuen die Mieter», betont Kindler. Mehr Bänke für die älteren Bewohner und weitere Treffpunkte für Jugendliche stehen noch auf dem Wunschzettel der Mieter. Die Soziologin Christine Hannemann von der Humboldt-Universität sagt: «Das Märkische Viertel ist ein positives Beispiel dafür, wie sich eine Groß-Siedlung entwickeln kann.»

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