Stämme im Süden sollen mit Millionen geködert werden
Amerikaner jagen jetzt bin Laden direkt

Sechseinhalb Wochen nach Beginn der US-Angriffe ist der Krieg in Afghanistan in eine neue Phase getreten. Nach Informationen des US-Verteidigungsministeriums steht künftig nicht mehr die massive Bombardierung von Taliban-Stellungen im Vordergrund. Vielmehr sei nun die gezielte Jagd auf Osama bin Laden und die Führungsleute des Terrornetzwerks El Kaida eröffnet worden. Schlachtfeld seien die verschlungenen Höhlen in den Bergen des Nordens und die menschenleeren Wüsten des Südens.

WASHINGTON. Wie ein Pentagon-Beamter mitteilte, werde es in diesem neuen Kriegsabschnitt Perioden der scheinbaren Inaktivität geben, die durch schnelle Angriffe verdeckter Kräfte unterbrochen werden. Einige hundert Soldaten von US-Spezialeinheiten seien zur Zeit in Afghanistan im Einsatz, heißt es aus dem Verteidigungsministerium in Washington. Sie seien mit modernsten Satelliten-Telefonen ausgestattet und verfügten zum Teil über geländegängige Fahrzeuge. Die US-Truppen werden durch unbemannte Langstrecken-Aufklärungsflugzeuge vom Typ "Global Hawk" unterstützt, die Fotos und andere Daten liefern.

Die Amerikaner setzen bei der Suche nach Terroristen auf die Hilfe der Stämme im Süden Afghanistans, die sich hauptsächlich aus Paschtunen zusammensetzen. Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hat ein Kopfgeld von 25 Mill. $ auf die Ergreifung bin Ladens ausgesetzt. "Der CIA hat aber bereits ein Vielfaches dieser Summe an einzelne Stämme gezahlt", sagte ein hoher Pentagon-Beamter dem Handelsblatt. "In dieser Region kauft man Loyalität mit Geld." Militärexperten vergleichen diesen Einsatz mit dem Bürgerkrieg in El Salvador während der 80-er Jahre. Damals arbeiteten US-Spezialeinheiten mit lokalen Truppen zusammen, um marxistische UntergrundKämpfer zu fassen.

Die Situation in Afghanistan ist aber ungleich komplizierter. Die Berge sind von tausenden natürlicher Höhlen durchschnitten. Während der sowjetischen Besatzung in den 80-er Jahren ließ bin Laden ein Netz solcher Tunnels für Millionen von Dollars erweitern - ein verschlungenes System von Schleich - und Fluchtwegen, Bunkern und Waffenlagern. Hinzu kommt, dass Afghanistan mit Landminen übersät ist wie kaum ein zweites Land. Ein großer Teil hiervon ist in der Gegend um Kandahar konzentriert. Das US-Militär verfügt zwar über ein stattliches Hightech-Arsenal von Angriffswaffen. Doch beim Aufspüren und Beseitigen von Landminen sind die Mittel eher begrenzt.

Die USA haben deshalb auch bereits Probleme beim Aufspüren des mutmaßlichen Terroristenführers Osama bin Laden eingeräumt. Es sei schwierig, den genauen Aufenthaltsort des moslemischen Fundamentalisten festzustellen, sagte Generalstabschef Richard Myers nach einem Nato-Treffen in Brüssel. Dennoch erschwere die US-Armee Bin Laden die Planung neuer Terroranschläge, weil sie ihn zum ständigen Ortswechsel zwinge. "Er verbringt nie zwei Nächte am selben Ort", betonte Myers. Sollte bin Laden aus Afghanistan fliehen, werde die US-Armee ihm folgen, "wo immer er hingeht".

Ein Sprecher des Taliban-Chefs Mullah Mohammad Omar sagte in einer Presskonferenz an der Grenze zu Pakistan, es bestehe im Moment kein Kontakt zu bin Laden. Die Taliban hätten spezielle, geheim gehaltene Kanäle zu ihm unterhalten, im Moment bestehe jedoch kein Bedarf nach Kontakt. "Wir haben keine Ahnung, wo er ist", fügte er hinzu.

Die Regierung in Washington dämpft die Hoffnungen auf ein schnelles Ende des Krieges. "Die schwierigsten Abschnitte unserer Mission stehen noch bevor", erklärte US-Präsident George W. Bush am Dienstag bei einem Truppenbesuch in Fort Campbell in Kentucky. Verteidigungsexperten sehen die amerikanische Taktik stark von Improvisationen geprägt. "Wir werden Millimeter für Millimeter und Schritt für Schritt vorgehen", betonte ein US-General. Mit anderen Worten: Erst Informationen sammeln, dann handeln, anschließend den Einsatz analysieren und die nächste Aktion vorbereiten.

Die Lage wird jedoch durch den Flickenteppich der unübersichtlichen Stammenskultur deutlich erschwert. Nach Angaben des US-Agrarfachmanns James Dalton ist beispielsweise die Region um den Helmand-Fluss im Südwesten des Landes das Zentrum des Opium-Anbaus. "Gut gerüstete Kriegsbarone wollen den Verkauf des Rauschgifts kontrollieren und bekämpfen sich aufs Schärfste", unterstrich Dalton.

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%