Ständig sind Sirenen zu hören
Das Herz der Wall Street ist erschüttert, aber es schlägt noch

Die gelbliche Rauchsäule steht auch zwei Tage nach dem Terroranschlag auf das World Trade Center über der Stadt. Ständig sind Sirenen von Rettungsfahrzeugen zu hören. Das wichtigste Finanzzentrum der Welt, Downtown Manhattan, sieht aus wie Kriegsgebiet.

NEW YORK. Der Zusammenbruch der beiden Türme der World Trade Center hat das Gelände rundherum nachhaltig erschüttert. Experten gehen derzeit davon aus, dass viele Gebäude auch mehrere Blocks entfernt dabei beschädigt worden sind. Noch steht das dunkle Glas- und Stahlviereck, 1 Liberty Plaza, direkt gegenüber des World Trade Center Areals am Broadway. Doch es gibt Befürchtungen, dass auch dieses Hochhaus einstürzen könnte. Welche Konsequenzen das für die umstehenden Gebäude hätte, ist völlig unklar.

Schwer beschädigt wurde die New Yorker Zentrale der Telefongesellschaft Verizon, über die 200 000 Leitungen geschaltet werden, das sind zehn Prozent der New Yorker Leitungen insgesamt. Immer wieder müssen die Rettungsmannschaften ihre Arbeiten unterbrechen, weil Einsturz- oder Brandgefahr besteht. "Egal wie hoch der Schaden ist, er wird von den menschlichen Opfern übertroffen", sagte ein sichtlich erschütterter Bürgermeister Rudolph Guliani bei der Besichtigung des Trümmerfelds.

Noch steht die Zahl der Toten nicht fest. Unter den verbogenen Stahlträgern, Schutt und Aschebergen sollen bis zu 6 000 Tote liegen. Immer wieder keimt Hoffnung auf, dass sich doch noch Überlebende finden. Angeblich haben sich am Morgen Verschüttete per Handy gemeldet. Erst in einigen Tagen kann wohl mit Vorbereitungen für die eigentlichen Aufräumarbeiten begonnen werden.

Am Mittwoch blieben alle New Yorker Börsen geschlossen. Auf einer Pressekonferenz am Mittwoch Nachmittag kündigte Börsenvorstand Dick Grasso an, der New York Stock Exchange könne frühestens am Freitag wieder eröffnet werden, spätestens jedoch am Montag. Doch es fällt schwer, dass zu glauben. Noch nie war der Handel an der Weltleitbörse so lange unterbrochen. Die Leitung der NYSE befand sich an einem ungenannten Aufenthaltsort und die Nasdaq hat ihr Operationszentrum in Trumbull, Conneticat, eingerichtet, wo der Hauptrechner des Handelszentrum steht. Für den Handel blieb die Nasdaq allerdings weiter geschlossen. Die Nasdaq-Mitarbeiter, die ihre Büros im World Trade Center hatten, blieben nach offiziellen Angaben alle unverletzt. Im Laufe des Nachmittags soll eine weitere Pressekonferenz der Börse stattfinden.

Die Banken und Broker, die ihre Büroräume im zerstörten World Trade Center hatten, versuchen möglichst rasch das Schicksal ihrer Mitarbeiter zu klären. Im Fernsehen und in den Zeitungen finden Angehörige, die noch immer nach Vermißten suchen,Telefonnummern der einzelnen Firmen, an die sie sich wenden können.

Ein ungeahntes Gefühl der Solidarität herrscht unter allen, die zur New Yorker Finanzwelt gehören. Wer kann, hilft. Per Hotline und Internet teilten die Wall Street Häuser mit, wohin sich ihre überlebenden Angestellten wenden sollen. Morgan Stanley war der größte Mieter in den WTC-Türmen. Der Chef der Bank, Philip Purcell sagte, der großen Mehrheit seiner Mitarbeiter wäre es gelungen, sich in Sicherheit zu bringen. Allerdings erklärte eine Pressesprecherin von Morgan Stanley, man wisse noch nicht, wieviele ihrer Kollegen noch vermißt werden. Wie viele andere Institute hat die Bank ihre Zentrale nach Midtown verlegt. In ganzseitigen Anzeigen schrieb Purcell: "Was am 11. September passiert ist, ist keine finanzielle Tragödie, sondern eine menschliche."

Der Bond Spezialist Cantor Fitzgerald hat offenbar viele seiner 1 000 Mitarbeiter verloren, darunter auch den einflußreichen Analysten Bill Meehan. Cantor Fitzgerald belegte Stockwerken 101 bis 105 des Tower 1. "Wir kümmern uns um die Familien", erklärte ein Sprecher. Auch bei Merril Lynch, Wall Streets größtem Brokerhaus, geht es derzeit nur darum, festzustellen, ob alle 9 000 evakuierten Mitarbeiter in Sicherheit sind.

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