Ständig unter Strom: Eine Auszeit im Kloster

Ständig unter Strom
Eine Auszeit im Kloster

Die Arbeitswoche begann montags mit Stress und sie hörte freitags mit Stress auf. Monatelang hetzte der 38 Jahre alte Angestellte eines großen Verbandes in Berlin von Termin zu Termin. Mal arbeitete er 50 Stunden die Woche, mal auch 60. Dann kam der Ärger in der Familie dazu, den er Woche für Woche vor sich herschob.

HB/dpa FULDA. "Ich stand ständig unter Strom", erzählt der Mann, der seinen Namen nicht nennen möchte. "Ich konnte gar nicht mehr denken." Viele fahren in einer solchen Lage in den Urlaub. Der 38-Jährige suchte einen anderen Weg aus der Lebenskrise: Er nahm sich eine Auszeit im Kloster.

"Ich hatte schon lange mit dem Gedanken gespielt, das zu tun", sagt er. Sein Weg führte ihn in das Franziskaner-Kloster in Salmünster (Main-Kinzig-Kreis). Wie viele andere Einrichtungen in Deutschland bietet das Bildungs- und Exerzitienhaus Männern und Frauen die Chance, einige Tage lang Abstand vom Alltag zu gewinnen. Ohne Fernseher, Handys und Stress, dafür aber mitten im Spessart können sie in dem Kloster allein oder in Gruppen zur Ruhe kommen. "Die Menschen, die sich bei uns melden, möchten auftanken", weiß der Leiter des Hauses, Pater Sigfrid Klöckner. "Sie suchen bei uns Stille und Antworten auf Lebensfragen."

Die Gäste solcher Häuser sind zahlreich und sie passen in kein Schema: Es sind Männer und Frauen, Junge und Alte, Manager, Ehefrauen und Arbeitslose. Viele bringen im Gepäck Probleme mit, die sie allein nicht bewältigen können. In Kloster Salmünster steht es ihnen frei, ob sie am religiösen Leben teilnehmen oder nicht. Dennoch bieten die Franziskaner-Pater ihr Haus nicht einfach als günstige Unterkunft für Urlauber an, die sich im Spessart erholen wollen. Bevor ein Einzelner im Kloster unterkommt, will Pater Sigfrid ihn in einem persönlichen Gespräch kennen lernen.

Während ihrer Zeit im Kloster versucht er seinen Gästen in täglichen Vier-Augen-Gesprächen zu helfen, Antworten für ihre Probleme und Lebensfragen zu finden. Religion und Bibel stehen im Mittelpunkt. Pater Alfons Keuter, Leiter des Bonifatiusklosters in Hünfeld (Landkreis Fulda), hat festgestellt, dass die Suche nach Antworten für viele ein schwieriger Prozess sein kann. "Da spielen sich manchmal Dramen ab", sagt er. "Es kann sehr hart sein, sich selbst im Spiegel anzugucken. Das können nicht viele."

Im Bonifatiuskloster des Oblatenordens sind die Gäste dazu angehalten, möglichst zu schweigen. So sieht es das "Exerzitienbüchlein" des heiligen Ignatius von Loyola vor, dem Gründer des Jesuiten-Ordens. Zudem sollen sich die Gäste in Hünfeld drei Mal am Tag jeweils eine Stunde lang mit einem Text aus der Bibel beschäftigen, der ihnen einen Ausweg aus der Krise zeigen soll. "Das ist ganz schön anstrengend", meint der 64 Jahre alte Pater Alfons. Bis zu 30 Tagen können die Exerzitien (geistliche Übungen) dauern. "Danach hört man im Park das Gras wachsen", sagt der Geistliche. "Man bekommt ein anderes Bewusstsein und nimmt Dinge wahr, die man bislang nicht bemerkt hat."

Ähnliche Erfahrungen hat auch der 38-Jährige aus Berlin gemacht. Er nutzte die Zeit im Kloster Salmünster für Gespräche mit dem Pater, Lesen in der Bibel und lange Spaziergänge. "Es ist unglaublich, wie ich hier abschalten kann", erzählt er. Die Zeit bei den Franziskanern will er nicht mit einem normalen Urlaub vergleichen. "In einem Urlaub suche ich nur Ablenkung von meinen Problemen", sagt er. "Hier finde ich Lösungen." Für ihn steht deswegen fest: Es soll nicht seine letzte Auszeit in einem Kloster gewesen sein.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%