Stärker als die Konkurrenz abgestraft
Etwas mehr Realismus täte Gerry Weber gut

Der Modehersteller Gerry Weber hält sich in der Krise. Doch nach überzogenen Erwartungen gehen Investoren mit der Aktie hart ins Gericht.

DÜSSELDORF. Der Markt hat wieder einmal recht behalten. Wochenlang stürzte die Aktie von Gerry Weber von einem Tief zum nächsten. Scheinbar ohne Grund, denn anders als die Konkurrenz hatten die Ostwestfalen bislang keinen Anlass gesehen, ihre ambitionierten Wachstumsprognosen zurückzunehmen.

Doch Ende vergangener Woche platzte die Bombe:Statt eines geplanten Umsatzwachstums von rund 7% geht Gerry Weber nunmehr von einem mageren Plus (1,6%) aus. Die Flutkatastrophe in Ostdeutschland soll Schuld sein. Investoren sind vor allem deshalb verärgert, weil die Ostwestfalen ihre Vorhersagen bereits das zweite Mal in rascher Folge gesenkt haben. Im Frühsommer standen noch zweistellige Wachstumsraten auf dem Tableau.

Jetzt wird Gerry Weber ein Opfer seiner ehrgeizigen Ziele und stärker als die Konkurrenz abgestraft, obwohl es dieser ungleich schlechter geht. Insgesamt dürften Deutschlands Bekleidungshersteller in diesem Jahr beim Umsatz 8% einbüßen. Mitbewerber Hugo Boss setzt neben der Konsumflaute die mit hohen Investitionen verbundene Damen- Kollektion zu. Weil jetzt auch die bislang hoch profitable Herrenabteilung schwächelt, bricht das Betriebsergebnis in diesem Jahr ein. Auch Escada, der zweitgrößte deutsche Modehersteller, fürchtet drastische Umsatzrückgänge.

Branchenprobleme nicht auf Unternehmen übertragen

Bei aller Ungeschicktheit in Gerry Webers Kommunikation sollten Investoren nicht den Fehler machen, die Misere in der Modebranche eins zu eins auf das Unternehmen zu übertragen. Die Westfalen bleiben der mittleren bis gehobenen und etwas konservativen Klientel treu. Diese Standfestigkeit und die konsequente Auslagerung der Produktion in Billiglohnländer macht es möglich, auch im laufenden Jahr entgegen dem Branchentrend zuzulegen - trotz zwei aufeinander folgender Ertragswarnungen.

An der bislang angestrebten Umsatzrendite von 9,3% hält Gerry Weber fest. Das wäre mehr als in den vergangenen Jahren. Neben zu optimistischer Vorhersagen wurden dem M-Dax-Titel aber auch die inzwischen abgeschlossene Kapitalerhöhung zum Verhängnis. Dabei übersahen viele Investoren, dass es sich gar nicht um die klassische Geldvermehrung handelte, wie sie viele Gesellschaften momentan dringend benötigen. Im Frühsommer gab Gerry Weber knapp 1,5 Millionen neue Aktien zum Stückpreis von 7,50 Euro aus. Damit holte man sich nur die bereits ausgeschüttete Sonder-Dividende von 50 Cents je Aktie zurück.

Das "Schütt-aus-hol-zurück-Verfahren" brachte dem Unternehmen Steuervorteile-dem Aktionär eine höhere Ausschüttung. Denn noch sind die Steuern auf die Dividende niedriger als auf den thesaurierten Gewinn. Doch dies wurde am Kapitalmarkt kaum beachtet. Angesichts eines erwarteten Gewinns von knapp einem Euro je Aktie im laufenden Geschäftsjahr und einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 6,5 ist die Aktie preiswert.

Die hohe Dividendenrendite von 4,7% - wie im Vorjahr sollen mindestens 31 Cents je Aktie ausgezahlt werden - untermauert dies ebenso wie das kontinuierliche Wachstum. Seit Anfang der neunziger Jahre ist das Ergebnis pro Aktie stets gestiegen - in den letzten Jahren sogar prozentual zweistellig. Bleibt nur zu hoffen, dass nicht auch noch die Gewinnprognose zurückgenommen wird. Denn eine dritte Warnung würde das angeschlagene Vertrauen vollends zerstören.

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