Stärkster Rückgang des Bruttoinlandsproduktes seit zehn Jahren
Der US-Wirtschaft droht eine Achterbahnfahrt

Die junge Frau streicht langsam über den rotkarierten Kaschmirschal, aber sie zögert noch: "210 Dollar - ist das ihr letztes Angebot?", fragt sie den verdutzten Verkäufer. Das Gespräch findet nicht auf einem Flohmarkt statt, sondern im weltbekannten Kaufhaus Saks Fifth Avenue in New York.

HB NEW YORK/WASHINGTON. Es ist Weihnachtszeit und die Amerikaner handeln, was das Zeug hält. Angespornt von einer Flut von Sonderangeboten machen die US-Verbraucher selbst die pikfeine Fifth Avenue zu einem Basar.

Nicht nur im Einzelhandel, überall versuchen US-Unternehmen ihre Läger mit preisgünstigen Angeboten zu räumen. Um rund 60 Mrd. $ haben die Firmen ihre Lagerbestände in den Monaten Juli bis September verringert. Das Großreinemachen hat wesentlich dazu beigetragen, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in den USA im 3. Quartal mit einer Jahresrate von 1,1% gesunken ist. Das ist der stärkste Rückgang seit der letzten Rezession vor zehn Jahren. Das Handelsministerium musste seine ursprünglichen Berechnungen von minus 0,4% noch weiter nach unten korrigieren. Im Vergleich zum Vorquartal betrug der Rückgang 0,3%. Das Bruttoinlandsprodukt ist der umfassendste Begriff für die in einer Volkswirtschaft produzierten Güter und Dienstleistungen.

Enormer Lagerabbau lässt auf wirtschaftliche Erholung hoffen

Der enorme Lagerabbau lässt für die weitere wirtschaftliche Entwicklung jedoch hoffen. Sind die Läger leer, müssen die Unternehmen neu produzieren und die Wirtschaft wächst wieder. Bis es soweit ist, kann es jedoch noch eine Weile dauern. "Die aktuelle Rally auf den Aktienmärkten darf nicht darüber hinweg täuschen, dass wir von einer durchgreifenden wirtschaftlichen Erholung noch ein gutes Stück entfernt sind", sagt David Wyss, Chefökonom bei der Ratingagentur Standard & Poor?s. Im letzten Quartal des Jahres werde die amerikanische Wirtschaft noch einmal um 2 % schrumpfen.

Aus der Wirtschaft selbst kommen derzeit widersprüchliche Signale: Während der Auftrieb an den Aktienmärkten und der niedrige Ölpreis auf einen baldigen Konjunkturfrühling hindeuten, rechnen Verbraucher und Unternehmen noch nicht mit einer schnellen Trendwende. So ist der Einkaufsmanager-Index in der Region Chicago im November erneut gefallen - von 46,2 auf 41,1 Punkte. Bereits ein Wert unter 50 Punkten signalisiert eine Abschwächung. Zudem beeinträchtigen steigende Arbeitslosenzahlen den privaten Konsum.

Talsohle erst im März

"Die Talsohle wird die US-Wirtschaft erst im März erreichen", prognostiziert Cary Leahey von der Deutschen Bank in New York. Ab Mitte nächsten Jahres könne man mit Wachstumsraten zwischen 3 und 4 % rechnen, sagt der Experte der Deutschen Bank. "Das ist nur halb so viel wie bei früheren Konjunkturaufschwüngen in den USA", erklärt Leahey.

Dass der Aufschwung kommt, darüber sind sich die Experten einig. Wie stark die Erholung in den Vereinigten Staaten ausfällt und wie lange sie anhält, ist dagegen unter den Ökonomen höchst umstritten. Während Leahey eine langsame, aber dauerhafte Belebung erwartet, rechnet Wyss von Standard & Poor?s mit einem starken, aber kurzlebigen Aufschwung. Seiner Meinung nach wird der kommende Boom mit einer Wachstumsrate von 3,5 % in 2003 bereits seinen Höhepunkt erreichen. "Danach wird das Wirtschaftswachstum wieder zurückgehen", sagt Wyss.

Eine regelrechte Achterbahnfahrt der Konjunktur erwartet Diane Swonk, Chefvolkswirtin bei Banc One in Chicago. "Die Zinssenkungen der Notenbank und das geplante Konjunkturpaket der Regierung werden zunächst für einen starken Aufschwung sorgen", prophezeit sie. Danach könnten die anhaltenden politische Risiken und Zinserhöhungen der Federal Reserve die Wirtschaft wieder auf Talfahrt schicken.

Weitere Leitzinssenkung wird erwartet

Eine knappe Mehrheit der Ökonomen an der Wall Street rechnet nach den jüngsten Umfragen jedoch damit, dass Fed-Chef Alan Greenspan die Leitzinsen am 11. Dezember zunächst noch einmal um 0,25 Prozentpunkte senken wird. In diesem Jahr hat die Fed die Zinsen bereits zehnmal auf zuletzt 2 % zurück genommen. Banc- One-Ökonomin Swonk erwartet sogar eine weitere Lockerung im Januar. Eine Zinswende sehen die Fachleute erst in der zweiten Hälfte 2002 kommen.

Kritisch bewerten viele US-Ökonomen die Zinspolitik der Europäischen Zentralbank, die als zu passiv gebrandmarkt wird. "Es wäre wünschenswert, wenn sich die Geldpolitik in Deutschland weniger von den Inflationsängsten der Vergangenheit leiten ließe. Es scheint, dass das Trauma der 20er Jahre noch immer in den Köpfen präsent ist", sagt Henry Aaron vom Brookings Institute in Washington.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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