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Stalking - Psychoterror der VerschmähtenDPA-Datum: 2004-07-10 18:04:57

Berlin (dpa) - Erst waren es Briefe, dann Liebesschwüre auf dem Anrufbeantworter. Schließlich kamen die ersten Selbstmorddrohungen. «Anfangs fühlte ich mich schuldig und kümmerte mich um meinen Ex- Freund, da wir uns nach zehn Jahren getrennt hatten», erzählt die 35-Jährige, die ihren Namen aus Angst erkannt zu werden, nicht nennen will.

Berlin (dpa) - Erst waren es Briefe, dann Liebesschwüre auf dem Anrufbeantworter. Schließlich kamen die ersten Selbstmorddrohungen. «Anfangs fühlte ich mich schuldig und kümmerte mich um meinen Ex- Freund, da wir uns nach zehn Jahren getrennt hatten», erzählt die 35-Jährige, die ihren Namen aus Angst erkannt zu werden, nicht nennen will.

«Doch ich merkte schnell, dass ich ihm nicht helfen konnte und hatte Angst, dass er mich mit in den Tod nehmen will und alles eskaliert.» Da sie sich bedroht fühlte, sah sie keinen anderen Weg, als den Wohnort und die Arbeitsstelle zu wechseln.

«Stalking beginnt mit Belästigungen, dem Verfolgen und Überwachen der Opfer, kann aber bis zu körperlicher Gewalt, Vergewaltigung und sogar Mord führen», erklärt Kriminalpsychologe Jens Hoffmann diesen in Deutschland immer noch relativ neuen Begriff. Seit 2002 erforscht er Stalking (aus dem Englischen: Sich-Anpirschen) an der Technischen Universität Darmstadt und betreut Opfer. In mehr als 40 Prozent der Fälle wurden die Täter gewalttätig, wenn ihre zwanghafte Verehrung endgültig in wilden Hass umschlug.

Die Opfer von zwanghafter Verfolgung - bei weitem nicht nur Prominente wie Claudia Schiffer oder Madonna, sondern auch «ganz normale» Menschen - werden nach Ansicht von Wissenschaftlern in Deutschland oft alleine gelassen. Auch juristisch sei den Stalkern nur schwer beizukommen: Das Strafrecht kann erst dann eingreifen, wenn es bereits zu einer Straftat gekommen ist.

«Das Problem ist, die Grenze zwischen einem intensiven Werben um die verlorene Liebe und bedrohlicher Belästigung zu ziehen», erklärt Hoffmann. Die Drohungen fangen harmlos an, steigern sich und dauern manchmal ein Leben lang. «Die Opfer durchleben traumatische Zustände, igeln sich immer weiter ein. Ihr Leben kann von der psychischen Belastung völlig zerstört werden.»

«Ich war erleichtert, als mir eine Freundin von Stalking erzählte und mir zu einer Therapie riet. Der Druck war damals schon so groß geworden, dass ich mich ständig umsah und auf Schritt und Tritt verfolgt fühlte», erzählt die 35-Jährige. «In der Therapie habe ich gelernt, meinen Ex-Freund zu ignorieren, habe Freunde und Arbeitskollegen informiert.» Sie hatte gehofft, dann mit ihrem neuen Partner zur Ruhe zu kommen. Doch der psychische Druck hörte nicht auf - mittlerweile erpresste ihr ehemaliger Lebensgefährte sie sogar und behauptete, selbst von ihr verfolgt zu werden. «Ein typisches Verhalten. Oft haben Stalker Wahnvorstellungen und projizieren eigene Probleme auf ihr Opfer» erklärt Kriminalpsychologe Hoffmann.

Lange wurde Stalking als «Beziehungsproblem» abgetan. «Wenige suchten überhaupt Hilfe und wurden dann von der Polizei meist wieder mit den Worten nach Hause geschickt: "Es ist nichts Richtiges passiert, daher können wir nichts machen"», berichtet Karl-Günther Theobald von der Opferschutzorganisation «Weißer Ring».

Doch in vielen Orten werden Mitarbeiter der Polizei inzwischen für das Thema sensibilisiert. «Wir beraten Betroffene mit praktischen Hinweisen: geheime Telefonnummer, Geschenke ablehnen, Briefe wegwerfen und den Kontakt abbrechen», sagt die Berliner Polizeipsychologin Marion Kranz.

Seit 2002 soll das Gewaltschutzgesetz eine Handhabe geben: Per einstweiliger Verfügung und Unterlassungsklage kann ein Opfer den Stalker von sich fern halten. «Werden die Auflagen nicht eingehalten, gibt es kleine Geldstrafen - die bringen aber fast gar nichts», sagt Rechtsanwalt Volkmar von Pechstaedt. Der Kassler Anwalt hat bereits mehr als 600 Stalking-Opfer vertreten. Er fordert einen separaten Straftatbestand für Stalking, wie es ihn in Kanada, USA, aber auch in einigen europäischen Staaten längst gibt. «Bis dahin können Opfer, meist Frauen, nur hoffen, dass ihre Peiniger irgendwann die Lust am Psychoterror verlieren.»

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