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Stammesriten der New Economy

In vielen afrikanischen Stämmen gibt es den "Kwonhene". Der beaufsichtigt das Gemeinschaftsspeisehaus, in dem die Stammesangehörigen essen, wenn sie an gemeinsamen Aufgaben mitarbeiten. Um den Häuptlingen Zeit zu sparen, hört er sich persönliche Probleme an, die den eigenen Stamm nicht unbedingt betreffen. Die "Kwonhene" werden von den Häuptlingen mit äußerstem Respekt behandelt, denn sie können die stärkste Sanktion verhängen: Die Verweigerung der Mitarbeit der einfachen Stammesangehörigen.



In den Betrieben der westlichen Welt nennt man diese Männer "Betriebsräte". Den Titel "Kwonhene" kann man etwa mit Personenhäuptling übersetzen.

Interessant auch der "Okayenhene", der Direktor für Öffentlichkeitsarbeit. Er spricht im Namen des obersten Stammes zu Außenstehenden. Wenn der oberste Häuptling außerhalb des Stammesgebiets reist, laufen die Gehilfen des "Okayenhene" vor der königlichen Prozession her und besingen die ungeheuren Herden des Häuptlings, die verschwenderische Freigebigkeit seiner Bankette, die unübersehbare Zahl seiner Nachkommen und die immense Größe seiner Genitalien. Zu ihren wichtigsten Aufgaben gehört es, dass die öffentlichen Audienzen des Häuptlings stets gut besucht sind. Teilnahmslose und Widerwillige werden so lange bedrängt, bis sie hingehen. Das kennt man als Journalist, wenn zu sogenannten "Pressekonferenzen" eingeladen wird, die dann doch nichts enthüllen, was für die Presse wichtig ist und die nur den Eigendünkel stärken.



Die meisten Stämme kennen sogar den Börsenmakler. "Mammys" sind Frauen, die auf den Märkten einen Verkaufspreis für Vieh ausmachen, die Tiere aber erst die Woche darauf übergeben. Hier würde man das einen "Terminmarkthändler nennen" der ohne Deckung auf "Baisse" spekuliert. Was lernen wir da raus? Wer sieht, wie lange die Wurzeln unseres modernen Wirtschaftslebens zurückreichen und wie wenig sich seitdem verändert hat, der braucht eine Revolution durch die sogenannte New Economy nicht zu fürchten.



Schade eigentlich, denn neue Führungsstrukturen hätten der Wirtschaftsentwicklung gut gestanden. Aber mit trinkfesten Chefs ohne Krawatte und Pizza im Büro ist es eben nicht getan. Nach dem hemdsärmligen Start führen die New Economy Firmen derzeit wieder die Organisationsstrukturen der Old Economy ein - auch auf Druck ihrer Mitarbeiter.



Also nichts Neues von der New Economy?



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