Stammzelltherapie: Erste Erfolge im Tierexperiment
Zellkur im rheinischen Erkrath

Mit neuartigen Zelltherapeutika drängt die Biotechnologie-Firma Cardion auf den Markt. Das Unternehmen setzt auch auf die Forschung an embryonalen Stammzellen.

HB DÜSSELDORF. Das Erkrather Gewerbegebiet, ein Industrieflecken an der Düsseldorfer Peripherie, ist nicht gerade die Gegend, wo man den Standort eines High-Tech-Unternehmens vermutet. Hier hat, zwischen Speditionen, Getränkegroßhandel und Baumarkt, in einem unscheinbaren Bürogebäude die auf Stammzellforschung und gentherapeutische Verfahren spezialisierte Cardion AG ihren Sitz. Ausgestattet mit gut 50 Millionen Euro Risikokapital, gehört die 1996 gegründete Firma zu einer der am üppigsten mit Investorengeldern ausgestatteten Biotech-Firmen Deutschlands.

Wenn ihr Chef Michael Ruhl erklären soll, woran seine 70 Mitarbeiter arbeiten, muss er meist mit einem Vorurteil aufräumen: "Menschliche Embryonen verbrauchen wir nicht, therapeutisches Klonen machen wir nicht", stellt er gleich zu Anfang klar. Das darf er hier zu Lande auch nicht, denn die strikten deutschen Gesetze verbieten die Herstellung humaner embryonaler Stammzellen (HES). Nicht weil aus ihnen ein neuer Mensch, sondern jedes beliebige Gewebe und Organ hervorgehen kann, sind diese in der gentechnischen Forschung so begehrt. Die Entwicklung von Insulin produzierendem Bauchspeicheldrüsen-Ersatzgewebe zur Behandlung von Diabetes vom Typ I gehört denn auch zum festen Programm der Erkrather. Ein Milliardenmarkt angesichts von weltweit vielen Millionen Patienten.

Im vorigen Jahr holte sich deshalb das noch Cardiogene heißende Erkrather Unternehmen die auf Stammzelldifferenzierung spezialisierte Intracardia Inc. aus Cincinnati mit ins Boot und benannte sich in Cardion um. Ein wichtiger Baustein in Ruhls Strategie, denn nun hat das deutsche Unternehmen Zugang zu neuen Techniken und Labors in den USA, wo die privat finanzierte HES-Forschung auch unter der Bush-Regierung weiterhin möglich ist. Im Frühjahr dieses Jahres folgte dann die Übernahme des Immun Tolerance Pharmaceuticals Inc., -Spezialisten Boston durch Cardion.

Spezielle Filtermethode

"Mit der so genannten Loren-Field-Technologie verfügen wir nun über eine Filtermethode, mit der wir embryonale Stammzellen gezielt dazu erziehen können, sich in ganz bestimmte Zelltypen wie Bauchspeicheldrüsen-, Nerven- oder Herzmuskelzellen zu verwandeln", sagt Ruhl. Das funktioniert, weil die Forscher die Stammzellen genetisch so verändert haben, dass sie unempfindlich gegen ein bestimmtes Antibiotikum werden, sobald sie sich in andere Zelltypen zu verwandeln beginnen. Wird dann das Antibiotikum zugesetzt und ein zusätzlicher genetischer Schalter aktiviert, werden alle anderen Zelltypen abgetötet, nur die mit den gewünschten Eigenschaften bleiben übrig.

Einer auf diese Weise hervorgegangenen Bauchspeicheldrüsenzelle lässt sich nicht einfach ansehen, ob sie für die Weiterkultur geeignet ist. In verschiedenen Tests wird deshalb ihr biochemisches Verhalten mit Hilfe von 72 molekular-biologischen Markern geprüft. Getestet wird freilich nicht nur unter den berechenbaren Bedingungen im Reagenzglas. Eine frühe Nagelprobe für die Zellen bildet ihre Verpflanzung in einen Modellorganismus, wo sie mit dem gesamten Spektrum komplexer Stoffwechselvorgänge fertig werden müssen.

Die Cardion-Forscher benutzen dafür genetisch veränderte Mäuse, die über kein Immunsystem mehr verfügen. Wie es scheint, vertragen die empfindlichen Nager die Zellkur gut. "Solche entdifferenzierten Zellen weisen kein erhöhtes Entartungsrisiko mehr auf. Durch umfangreiche Qualitätsprüfungen stellen wir sicher, dass diese Zellen sich genauso wie normale menschliche Bauchspeicheldrüsenzellen verhalten", betont Ruhl.

In den Körper des Patienten sollen die Ersatzzellen später einmal durch eine Infusion in die Blutbahn kommen, von wo aus sie bis zur Leber gelangen. Ihre ortsfremde Ansiedelung stelle für den Patienten kein Problem dar, beruhigt Ruhl. Er schätzt, dass um 2005 das erste Produkt aus der Stammzellforschung für die klinische Erprobung bei Diabetes I reif ist. Bis zum marktfertigen Produkt kann es dann noch vier bis fünf Jahre dauern. Ergänzend dazu will Cardion ein Protein-Präparat auf den Markt bringen, das eine gesunde Vermehrung der implantierten Bauchspeicheldrüsenzellen im Körper des Patienten fördern soll. Allerdings befindet sich der Wirkstoff erst im Stadium von Tierversuchen.

Ebenfalls in einer vorklinischen Entwicklungsphase steckt ein weiterer Arzneimittelkandidat, dem Ruhl das Zeug zum milliardenschweren "Blockbuster" zutraut: Depletin, ein aus zwei Bestandteilen zusammengeschweißtes Eiweißmolekül.

Neuartiger Eiweißstoff

"Bei den beiden Komponenten des Fusionsproteins handelt es sich um einen Antikörperteil und einen Interleukin 15-Antagonisten", erläutert der Firmenchef. Weil der daraus gezimmerte, neuartige Eiweißstoff nicht nur Entzündungsprozesse gezielt blockiert, die bei der Entstehung von Rheuma eine wichtige Rolle spielen, sondern darüber hinaus das Immunsystem bei Transplantationen verträglicher stimmt, setzt Cardion große Hoffnungen in seine weitere Erprobung. "Der Wirkstoff hemmt Fehlregulationen des Immunsystems bereits in einer sehr frühen Phase und erzeugt so eine breite Toleranz", sagt Ruhl.

Würden sich diese besonderen Eigenschaften auch bei der Therapie am Menschen bestätigen, was sich freilich noch in klinischen Studien erweisen muss, wäre dem Erkrather Unternehmen der große Wurf gelungen. Es hätte dann ein Medikament für eine schonende Langzeittherapie von Arthritis und gleichzeitig ein hochwirksames und komfortables Mittel, um die Abstoßung von Transplantaten zu verhindern.

Außer den beiden großen Medizinmärkten Diabetes und Arthritis hat das Unternehmen noch weitere Volkskrankheiten ins Visier genommen: Herzerkrankungen und Gefäßverstopfungen. Immerhin hat es NOStentin, ein gentherapeutisches Produkt, welches das erneute Zuwachsen von Gefäßbrücken und Bypässen verhindern kann, schon bis in eine frühe klinische Phase geschafft.

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