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Standortfaktor Ganztagsschule

Eigentlich eine bestechende Idee: Mit einem Teil der Milliarden aus der Zukunftstechnologie UMTS finanziert Deutschland seine wirtschaftliche Zukunft, die im Wesentlichen vom Faktor Bildung abhängt. Doch mit seinem Vorschlag, vier Milliarden Euro aus den UMTS-Zinserlösen bundesweit 10 000 Ganztagsschulen zu errichten, stößt Bundeskanzler Gerhard Schröder bei den unionsgeführten Bundesländern auf wenig Gegenliebe. "Bildung ist nicht Bundessache", tönen sie - wohlwissend, dass der Zeitpunkt des Vorschlages nicht zufällig gewählt wurde. Doch ihre Weigerung, in Sachen Ganztagsschule mit dem Bund zusammenzuarbeiten, steht im Widerspruch zur angepriesenen Wirtschaftskompetenz, mit der Edmund Stoiber und seine Unions-Mannschaft die Regierungskoalition ausstechen wollen.

Wer die Wirtschaft dauerhaft in Schwung bringen will, muss bei der Bildung ansetzen. Es reicht nicht, sich auf dem vergleichsweise guten Abschneiden der CDU/CSU-regierten Bundesländer im innerdeutschen Schulvergleich auszuruhen. Deutschland braucht eine grundlegende Schulreform, um im europäischen Vergleich mithalten zu können. Dabei geht es keinesfalls nur um die Schüler, als das so genannte Human Capital von morgen, sondern auch um die Mütter, von denen immer mehr über eine hervorragende Ausbildung verfügen. Nicht nur in den traditionellen "Frauenfächern" wie Pädagogik und Philologie steigt die Zahl der weiblichen Hochschulabsolventen stetig, sondern auch in den Ingenieursberufen, der Informatik und anderen Zukunftstechnologien. Angesichts des bereits vorhandenen Mangels an hochqualifizierten Fachkräften in einer immer älter werdenden Gesellschaft ist es volkswirtschaftlicher Unsinn, dass sich ein Großteil von ihnen dauerhaft vom Arbeitsmarkt verabschiedet, sobald sich Nachwuchs ankündigt.

Doch während es in den meisten europäischen Nachbarländern eine Selbstverständlichkeit ist, dass berufstätige Eltern ihre Kinder während ihrer Arbeitszeit in die Obhut professioneller Betreuer geben, bleibt hier zu Lande die Oma die wichtigste Anlaufstelle. Die sechsstündige Betreuung, die der normale Schulalltag in Deutschland abdeckt, ermöglicht bestenfalls eine Halbtagsbeschäftigung. Stoibers Mannschaft täte deshalb gut daran, auf dem heutigen Treffen der Bildungsminister in Bonn landespolitische Profilierungsgelüste zurückzustellen. Gegen die Pläne für ein bundesweites Ganztagsschulen-Programm zu wettern, nur weil sie von Schröder kommen, wird mindestens auf das Unverständnis junger Eltern stoßen.

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