Starjournalist als Generaldirektor entlassen
Russischer Sender NTW verliert seine Unabhängigkeit an Gasprom

Russlands größter privater Fernsehsender NTW hat nach monatelangem Kampf gegen den Kreml seine Unabhängigkeit an den staatskontrollierten Erdgasriesen Gasprom verloren. Bei einer umstrittenen Aktionärsversammlung am Dienstag in Moskau besetzten Gasprom-Vertreter den NTW-Aufsichtsrat neu und ernannten den russischstämmigen Amerikaner Boris Jordan zum Generaldirektor. Der Sender bezeichnete die Beschlüsse der Versammlung als ungültig.

dpa MOSKAU. NTW war das Herzstück der Mediengruppe Media Most des unter schwerem Betrugsverdacht stehenden Unternehmers Wladimir Gussinski. Wegen der kritischen Berichterstattung über Präsident Wladimir Putin und den Tschetschenien-Krieg geriet Media Most ins Visier des Kremls, der juristische und wirtschaftliche Druckmittel gegen die überschuldete Mediengruppe einsetzte.

Der NTW-Starjournalist Jewgeni Kisseljow, ein enger Gefolgsmann Gussinskis, wurde als Generaldirektor entlassen. "Er soll weiterhin das machen, was er am besten kann, nämlich Journalismus", sagte Alfred Koch, der Chef der Gasprom Gasprom-Tochter Media.

Seine Firma hatte sich im Januar zum Besitzer von NTW erklärt, nachdem ein verpfändetes Aktienpaket von 19 % gerichtlich beschlagnahmt worden war. Gasprom Media hielt danach 46 der verbliebenen 81 %. An der Aktionärsversammlung nahm auch die Firma Capital Research teil, deren NTW-Anteil 4,5 % beträgt.

Demonstrationen für Unabhängigkeit

Noch am Samstag hatten 15 000 Moskauer für die Unabhängigkeit von NTW demonstriert. Die Journalisten des Senders wählten Kisseljow am Montag zum Chefredakteur, um seine Position zu sichern. Der neue Aufsichtsrat erklärte die Wahl für ungültig und setzte den Fernsehjournalisten Wladimir Kulistikow als Chefredakteur ein.

Der neue Generaldirektor Jordan nannte sich selbst "einen der vielen Mill. Fans von NTW". Er habe nicht vor, sich in die redaktionellen Belange einzumischen, er wolle die Unabhängigkeit der Journalisten sichern. NTW habe aber seit der Gründung 1996 Verluste von 70 Mill. $ (175 Mill. DM) angehäuft und stehe praktisch vor dem Bankrott, erklärte Jordan.

Staatschef Putin hatte den NTW-Journalisten bei einem Treffen im Kreml im Januar versichert, er sei für einen Erhalt des Senders. Gussinski steht in Spanien unter Hausarrest und wartet auf einen Gerichtsbeschluss über einen Moskauer Auslieferungsantrag. Die russische Justiz wirft ihm Kreditbetrug und Konkursverschleppung vor.

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