Starke Auflösungstendenzen
Kanzleien zollen Bilanzskandalen Tribut

Wirtschaftsprüfung und Rechtsberatung aus einer Hand - bis vor kurzem galt das als Geschäftsmodell der Zukunft auf dem deutschen Anwaltsmarkt. Alle großen Prüfer-Gesellschaften taten sich mit Anwaltskanzleien zusammen und drängten mit Macht auf den Rechtsberatungsmarkt. Doch seit kurzem hat sich der Trend umgekehrt.

DÜSSELDORF. Der Grund: Als Reaktion auf die Bilanzskandale um Enron und Worldcom zwingt die US-Regierung Kanzleien, die an US-Börsen notierte Unternehmen beraten, zur Unabhängigkeit von Wirtschaftsprüfern. Und das hat starke Auflösungstendenzen zur Folge. "Immer häufiger gehen Anwälte und Wirtschaftsprüfer jetzt wieder getrennte Wege", sagt Ingo Flore vom Deutschen Anwaltverein.

Flore spricht aus Erfahrung: Der Steueranwalt ist selbst erst kürzlich mit seinem Steuerberater-Partner Klaus Günther Regener bei der Dortmunder Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaft West- falen GmbH-Revision ausgestiegen.

Der neuste Fall spielt sich jetzt bei PwC Veltins, dem Anwaltszweig von PriceWaterhouse Coopers, ab. Dort will man die Taue zu der WP-Gesellschaft lockern. "Unsere Partner sagen, wir wollen unabhängig sein", sagt Thomas Kerkhoff, Partner bei PwC Veltins. Das heiße allerdings noch nicht, dass man sich völlig von PwC lossagen will. Entscheidend sei, dass die US-Börsenaufsicht Securities and Exchange Commission (SEC) der Kanzlei die Unabhängigkeit attestiere. Was die SEC dazu genau verlangt, sei unklar - man bemühe sich gerade, das herauszufinden.

Eins aber ist allen in der Branche klar: "Der Ansatz, gemeinsam Mandate zu halten und sie sich hin und her zu schieben, ist tot", sagt Falk Schornstheimer vom Anwalts-Branchenmagazin Juve. Die Angst vor der SEC ist dabei nur ein Motiv, fügt Christoph Vaagt hinzu. Vaagt ist Geschäftsführer der Unternehmensberatung Hildebrandt International, die auf den Anwaltsmarkt spezialisierten. "Es gibt auch kulturelle Unterschiede", sagt er: "Wirtschaftsprüfer schauen viel mehr auf die Zahlen und fordern Profitabilität. Anwälte, die von der Partnerschaft her kommen, sehen das bisweilen lockerer: Für sie ist ein dickes Mandat auch viel wert, selbst wenn es nicht so viel Deckungsbeitrag bringt."

Umgekehrt begrenze die enge Anbindung die Profitabilität: Wenn die Anwälte für die WP-Gesellschaft arbeiten, dürften sie nur einen Bruchteil dessen abrechnen, was sie auf dem Markt pro Stunde einnehmen könnten. "Das stört die wirklich Guten unter den Partnern auf die Dauer massiv."

Von solchen Problemen ist offenbar auch PwC Veltins nicht frei: Namensgeber Michael Veltins musste zum 30.6. die Kanzlei verlassen, weil unter seiner Führung angeblich Verluste in zweistelliger Millionenhöhe angehäuft wurden. Jetzt erwägen die PwC-Anwälte, sich einen neuen Namen zu geben.

Heftige interne Kämpfe gibt es offenbar auch bei der Sozietät Luther Menold, die mit Ernst & Young zusammenarbeitet. Am Donnerstag haben die Partner angeblich beschlossen, den gegenteiligen Weg zu gehen als PwC Veltins: Wie das Branchenmagazin Juve berichtet, strebt man bei Luther Menold die Integration in die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft an. Das hieße, dass Luther Menold - mit rund 300 Anwälten eine der größten Kanzleien in Deutschland - Ernst&Young-Kunden nicht mehr beraten darf, soweit diese an US-Börsen notiert sind. Ihre Bedeutung als Wirtschaftssozietät dürfte somit dramatisch schrumpfen. Das werden viele Partner nicht mitmachen wollen, prophezeit man in der Branche.

Ohnehin scheint die Stimmung in der Kanzlei auf einem Tiefpunkt angelangt zu sein. Die Kanzlei war vor etwa einem Jahr aus der Fusion der Sozietäten Menold & Aulinger und Luther entstanden. Luther war der deutsche Rechtsberatungszweig des untergegangenen WP-Giganten Arthur Andersen. Diese beiden Kulturen vertrugen sich offenbar von Beginn an schlecht. Jetzt trägt sich das Bochumer Büro um den Seniorpartner Leonhard Aulinger mit konkreten Plänen, die Sozietät zu verlassen, heißt es in der Branche. Eine offizielle Stellungnahme war von Luther Menold nicht zu erhalten.

Am weitesten ist man bei KPMG Beiten Burkhardt. Schon seit Jahresbeginn firmiert die Großkanzlei als Beiten Burkhardt Goerdeler - der Verweis auf die WP-Gesellschaft ist aus dem Namen getilgt. Gegenwärtig führe man Gespräche mit KPMG, sagt Namenspartner Jürgen Burkhardt. "Wir haben die ganz klare Tendenz, die Independence zu erreichen." Meldungen, eine Teilung stehe bevor, weil einige Partner bei KPMG bleiben wollen, dementiert Burkhardt: "Das ist Unsinn. Wir stehen zusammen wie ein Mann." In den großen Gesellschaften führen die Spaltungsszenarien zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen den Partnern.

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