Starker Produkt- und Branchenmix bewirkt einen automatischen Ausgleichsmechanismus
Leasing hängt von konjunkturellen Einflussfaktoren ab

Das Leasing bleibt eine Wachstumsbranche. Auf den ersten Blick scheint es zwar relativ immun gegen rezessive Tendenzen zu sein. Doch als Form der Investitionsfinanzierung unterliegt auch Leasing gesamtwirtschaftlichen Einflussgrößen. Unberechtigt sind auch Vorwürfe, die Branche sei "Rezessionsgewinnler".

MÜNCHEN. Die deutsche Leasing-Branche hat den Abstand zu internationalen Leasing-Spitzenreitern, wie den USA oder England, stark verkürzt. Die Leasingquote stieg im Jahr 2001 von 15,5 auf 16,7 %, in Westdeutschland übersprang sie sogar die 20 %-Marke. Offenbar haben sich viele mittelständische Unternehmen in der wenig übersichtlichen wirtschaftlichen Situation, die im Hinblick auf Investitionsentscheidungen noch durch die verschlechterten Abschreibungssätze und die zunehmende Zurückhaltung der Banken bei der Investitionsfinanzierung zusätzlich belastet wurde, häufiger für das Leasing entschieden.

Nach den aktuellen Prognosen werden die gesamtwirtschaftlichen Investitionen 2002 bestenfalls stagnieren. Das Leasing - vor allem mit Mobilien - dürfte gleichwohl auf Wachstumskurs bleiben; die Expansionsrate könnte an den Vorjahreswert heranreichen, was eine kräftige Marktanteilserhöhung bedeuten würde. Das Leasing bleibt also eine Wachstumsbranche und scheint auf den ersten Blick relativ immun gegen rezessive Tendenzen zu sein.

Im Dienstleistungssektor fallen allerdings die zyklischen konjunkturellen Schwankungen meist viel moderater aus als etwa im verarbeitenden Gewerbe oder in der Bauwirtschaft. Dies gilt auch für die Finanzdienstleister, also besonders Banken, Versicherungen und Leasinggesellschaften. Letztere verdanken ihre unterdurchschnittliche Konjunkturreagibilität vor allem der Tatsache, dass sie nahezu alle Arten von Investitionsgütern vermieten - von der Telefonanlage bis zur Großimmobilie. Durch den starken Produkt- und Branchenmix ergeben sich automatisch Ausgleichsmechanismen, die Auswirkungen extremer Wachstumsschwankungen in einzelnen Sektoren auf die Leasingnachfrage erheblich dämpfen.

Die 40-jährige dynamische Entwicklung der Branche in Deutschland war nur möglich, weil immer neue Investitionsgüter die Schrittmacherfunktion übernahmen und zusätzliche Kundensegmente erschlossen wurden. Zudem verringerte sich die starke Abhängigkeit der Leasinggesellschaften vom verarbeitenden Gewerbe, dem Handel und der Energiewirtschaft. Dafür gewannen der Dienstleistungssektor, private Haushalte sowie der Sektor Verkehr- und Nachrichtenermittlung als Kunden an Bedeutung.

Da die Marktanteile in einigen Segmenten, wie im Fahrzeug-Leasing, inzwischen schon recht hoch sind, hat die Konjunkturempfindlichkeit des Leasinggeschäfts in den letzten Jahren zugenommen. Völlig losgelöst von den Markttrends war die Leasingbranche allerdings nie, starke Einbrüche blieben ihr freilich bisher erspart. Als Konjunktur bzw. Konjunkturzyklus bezeichnet man die in marktwirtschaftlichen Systemen üblicherweise auftretenden kurzfristigen Schwankungen der wirtschaftlichen Aktivität.

Das Charakteristikum aller Konjunkturzyklen sind kumulative Aufschwungs- bzw. Abschwungsphasen. Zeiten der Hochkonjunktur werden von den meisten Menschen positiv bewertet, da sie in der Regel mit hoher Kapazitätsauslastung, steigenden Einkommen bzw. Gewinnen, mit komfortablen Auftragspolstern und leergefegten Lägern einhergehen. Schattenseiten gibt es aber auch hier, dazu zählen: Probleme bei der Suche nach neuen Mitarbeitern, steigende Preise und Zinsen, Überstunden sowie längere Lieferzeiten.

Wesentlich einprägsamer und einschneidender sind hingegen Rezessionsjahre. Diese werden mit abgeschalteten Hochöfen, stillgelegten Produktionsbändern, sinkenden Auftragseingängen, Kurzarbeit, zunehmenden Arbeitslosenzahlen, zahlreichen Unternehmensinsolvenzen sowie schrumpfenden Einkommen oder Gewinnen assoziiert.

Als Messgröße für die Beurteilung der Konjunkturentwicklung wird üblicherweise die Veränderungsrate des realen Bruttoinlandsprodukts verwendet. Vielfach werden mit den geschilderten Konjunkturphänomenen - bewusst oder unbewusst - vor allem die Industrie, das Baugewerbe und der Handel in Verbindung gebracht, aber weniger der Dienstleistungssektor.

Bei einigen Dienstleistungsbereichen, wie Ärzten, Steuerberatern, Banken, etc. ist dies gerechtfertigt, da sie relativ wenig konjunkturreagibel sind; Wachstumsschwankungen resultieren vor allem aus strukturellen Veränderungen. Bei unternehmensbezogenen Dienstleistungen, also auch beim Leasing, sind dagegen in jüngerer Zeit durchaus Konjunkturzyklen festzustellen. So befinden sich diese Sektoren laut ZEW seit dem ersten Quartal 2001 im konjunkturellen Abschwung; gleichwohl erreichten sie im Gesamtjahr ein Umsatzplus von knapp 2 %.

Das schnelle Wachstum der Leasingbranche und die - vor allem in den 60-er und 70-er Jahren - teilweise außergewöhnlich hohen Zuwachsraten hatten vielfach den Eindruck entstehen lassen, dass die Expansion nahezu unabhängig von gesamtwirtschaftlichen Strömungen sei. Mitunter wurde sogar vermutet, Leasinggesellschaften seien "Rezessionsgewinnler". Ein Vergleich der gesamtwirtschaftlichen Investitionsentwicklung (ohne Wohnungsvermietung) mit dem Geschäftsverlauf des Leasings in den letzten 40 Jahren, bestätigt die Annahmen nicht.

Da Leasing eine Form der Investitionsfinanzierung bzw. ein Finanzierungssurrogat ist, wird es generell von gesamtwirtschaftlichen Einflussgrößen tangiert. Das Geschäft hängt vor allem vom allgemeinen Investitionsklima, technologischen Entwicklungen, der Bonität der Unternehmen und den Verhältnissen auf den Kapitalmärkten ab. Lässt die Investitionsbereitschaft der Unternehmen nach, wird auch das Potenzial für Leasingfinanzierungen kleiner. Dieses Manko wird zurzeit dadurch überkompensiert, dass Leasinggesellschaften schon im Vorfeld von "Basel II" verstärkt Marktanteile gegenüber dem Investitionskredit gewinnen.

Die institutionelle Anlagenvermietung in Form des Leasings existiert in Deutschland seit 1962. Anfangs traten Basiseffekte dadurch auf, dass bei niedrigem Geschäftsvolumen in den ersten Jahren nach der Gründung recht leicht ansehnliche Zuwächse zu erzielen waren. Trotzdem war schon damals ein Zusammenhang zwischen gesamtwirtschaftlicher Investitionskonjunktur und der Geschäftsentwicklung der Leasinggesellschaften zu erkennen. Doch bestand fast immer ein erheblicher Niveauunterschied zwischen den Entwicklungen.

In konjunkturellen Aufschwungphasen hatte das Leasingwachstum ebenfalls einen starken Auftrieb, während in Rezessionszeiten auch Leasinggesellschaften geringere Zuwächse erzielten. Seit 1982/83 ließen die Struktureffekte im Leasinggeschäft nach und dessen Entwicklung schwenkte stärker auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklungslinie ein. Seitdem korrespondieren die Kurven deutlicher, da einzelne Großinvestitionen nicht mehr so stark auf die Veränderungsrate der gesamten Branche durchschlugen. 1984 war die Geschäftsentwicklung des Leasings durch das Zusammentreffen mehrerer ungünstiger Umstände erstmals rückläufig. Die kurze Konsolidierungsphase wurde bereits im 4. Quartal 1984 beendet. Seitdem liegt die Branche wieder mit meist überdurchschnittlichen Zuwächsen im Wachstumstrend.

Die 90-er Jahre hat das Leasing mit einem furiosen Start begonnen, der maßgeblich auf Geschäftsabschlüsse in den neuen Bundesländern zurückzuführen war. Trotz der Expansion korrespondieren die Entwicklungslinien der gesamtwirtschaftlichen- und der Leasinginvestitionen seit 1990 deutlich. Das ist angesichts des erreichten Marktanteils nicht erstaunlich. Trotzdem ist das Potenzial in Deutschland noch nicht ausgeschöpft, wie schon der Blick auf die höheren Leasingquoten in anderen Industrieländern zeigt. Auch bei gewichtigen Gütergruppen unter den Ausrüstungsinvestitionen der deutschen Wirtschaft, den Maschinenbau- sowie elektrotechnischen Erzeugnissen, sind die Quoten mit ca. 10 % noch recht niedrig.

Zusatzdienste federn konjunkturelle Ausschläge ab

Wachstumsimpulse wird das Leasing in Deutschland auch aus der weiteren Internationalisierung des Geschäfts erfahren. Zwar dürften deutsche Leasinggesellschaften nun verstärkt durch Direktinvestitionen im Ausland aktiv werden, diese erscheinen anders als echte Cross-Border-Engagements meist nicht in den Inlandsbilanzen; auf der anderen Seite ist mit dem weiteren Zuzug ausländischer Anbieter am deutschen Markt zu rechnen.

Schließlich übernehmen die Leasinggesellschaften nun verstärkt Investitionsrisiken auf dem Wege des Operating-Leasing oder des Asset Management und feilen an ihrem Dienstleistungsprofil, das vom Investitionsconsulting bis zum Full- Service-Leasing reicht. Damit kann das Marktpotenzial besser ausgeschöpft und die Wertschöpfung erhöht werden. Zugleich wirken diese zusätzlichen Dienste wie "Stoßdämpfer" gegen allzu harte konjunkturelle Ausschläge.

Last but not least wird das Leasingwachstum von Faktoren stimuliert, die nicht auf konjunkturellen Einflüssen basieren, sondern dadurch, dass die Kreditinstitute schon im Vorfeld von "Basel II" verstärkt Investitionsfinanzierungen an Leasinggesellschaften abgeben. Die schwere Strukturkrise, in der sich der deutsche Bankensektor befindet, beschleunigt noch die Bestrebungen renditearme und risikoreiche Geschäftsarten einzuschränken. Mittelständische Unternehmen beklagen sich zunehmend darüber, dass es schwerer geworden ist, Investitionen zu finanzieren.

Es sollte jedoch nicht übersehen werden, dass die Banken weiterhin bei der Finanzierung des Umlaufvermögens der Unternehmen, das den größeren Teil des Kreditvolumens aufweist, stark engagiert sind. Auch aus der Investitionsfinanzierung werden sie sich nicht ganz zurückziehen, sondern aktiv bleiben, aber größtenteils indirekt über die Leasinggesellschaften. Damit handelt es sich für die Banken nicht mehr um Retailgeschäfte, sondern um Whole-Sale-Banking. Ein derart hoher Kapitalbedarf wie im Leasingsektor - das Brutto-Anlagevermögen beträgt rund 180 Mrd. ? - lässt sich nicht an der Kreditwirtschaft vorbei generieren.

Die Banken haben schon vor Jahren erkannt, dass für Objektfinanzierungen im Mittelstand und besonders bei den begleitenden Dienstleistungen viel spezielles Know-how und eine entsprechende Infrastruktur benötigt werden und haben dieses Geschäft daher an Tochtergesellschaften im Leasingsektor ausgegliedert, die nicht nur Finanzexperten sind, sondern auch Spezialisten für Investitionsgüter und Dienstleistungen rund um die Investition.

_______________

Arno Städtler ist Mitarbeiter des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, München.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%