Start von Windows XP fällt in heikle Konjunkturlage
Der Boom kommt mit Verspätung

Von heute an ist es in den Läden: Microsofts neues Betriebssystem "Windows XP". Mit 250 Millionen Dollar für Marketing will Microsoft Anwender für sein neues Programm gewinnen. Es soll der Auftakt für eine neue Strategie des Softwaregiganten werden, die ganz auf das Internet ausgerichtet ist. Doch die Kunden warten ab.

DÜSSELDORF. Die große Feier für Windows XP steigt diesmal in New York City, genauer im Nobelhotel Marriott Marquis am Times Square - planmäßig, trotz Sicherheitsbedenken nach den Terroranschlägen vom September. Microsoft-Gründer Bill Gates wird natürlich dabei sein.

Die zweite Galionsfigur des Unternehmens dagegen, Konzernchef Steve Ballmer, lässt es sich nicht nehmen, heute Abend für die gebührende Präsentation des Betriebssystems auf Europas wichtigstem Markt - Deutschland - zu sorgen. Denn die Einführung von "Windows XP" hat einen ähnlichen Stellenwert wie einst die von Windows 95: Das Betriebssystem ist das Kernstück der Strategie des Softwarekonzerns für die kommenden Jahre. Es soll die Computerwelt der Dekade prägen. Doch diesmal stehen die Zeichen eher ungünstig für Microsoft.

Privatleute und Firmen sind noch zögerlich

Die weltweit schwache Konjunktur und die Angst vor dem Terror führen dazu, dass Privatleute und Firmen ihr Geld nur zögerlich ausgeben. Dabei hofft die gesamte Computerbranche - Hard- und Softwarehersteller, IT-Dienstleister, Berater und Finanziers - auf den Boom durch "Windows XP" und die darauf aufbauende Internet-Strategie. Die Branche hat den Schub dringend nötig, wie auch die neuesten Analysen der Marktforscher belegen: Die Zahl der verkauften Rechner liegt deutlich unter den Prognosen.

Doch die Stimmen der Kritik an "Windows XP" tönen laut: Sicherheitslücken und totale Überwachung; Monopolstellung im Internet, zahlreiche Kinderkrankheiten - die Liste der Rügen ist lang. Die renommierte Gartner Group hält die Umrüstung auf "Windows XP" sogar vorerst für "unnötig": Für Firmenkunden seien Zuverlässigkeit und Stabilität des Systems entscheidend, und da sollten sie die erste Fehler-Beseitigungsphase abwarten. Die meisten privaten PC-Nutzer, meint die Gartner Group, hätten sowieso noch nicht den Breitband-Internetzugang, um jene Multimedia-Anwendungen nutzen zu können, mit denen Microsoft wirbt.

Der Umstieg auf XP ist für Firmen zeitaufwändig

Dass die Firmenkunden tatsächlich vorsichtig sind, zeigt eine Handelsblatt-Umfrage. "Die vollständige Umstellung auf ein neues Betriebssystem ist für uns mindestens ein Drei-Jahres-Projekt", sagt etwa Claus-Peter Gutt, Vorstand bei der Victoria-Versicherung, einem langjährigen Großkunden von Microsoft. Er hat offenbar keine Eile - und das, obwohl Bill Gates persönlich dem IT-Experten der Victoria im Frühjahr die Internet-Strategie seines Konzerns vorgestellt hatte.

Für dezentrale Unternehmen wie den Versicherungskonzern mit fast 5000 Standorten sei so ein Umstieg nicht hopplahopp zu bewältigen - ein generelles Dilemma der aktuellen Produktpolitik von Microsoft. "Wir hinken dann immer mindestens drei Jahre hinterher", sagt Gutt. Aber er hält das Drängen des Softwareanbieters ins Internet für richtig. Seine Vision: "Allen Mitarbeitern über eine Internet-Browser-Technologie Zugang zu unseren Unternehmensservern zu bieten." Dafür wäre die "Net" genannte Internet-Strategie von Microsoft geeignet, und dank der "Thin client"-Technologie, bei der der Hauptteil der Software auf zentralen Servern läuft, werde dann auch die Einführung neuer Programme einfacher. Darauf warten Kunden wie die Victoria.

Doch nicht nur die Tücken der Software schrecken die Großkunden ab. Verärgert sind sie über ein geplantes neues Lizenzierungsmodell, das die Kosten in die Höhe treibt. "Wenn die Lizenzkosten nicht unverantwortlich steigen sollen, müssten wir dann sehr zeitnah - etwa binnen Jahresfrist - auf eine neue Version umsteigen", kritisiert Gutt. Weil das nicht möglich ist, rechnet er nicht damit, dass Microsoft sich damit durchsetzen kann.



Viele Kunden werden auf zweite XP-Version warten



"Viele Kunden werden wohl bis zur zweiten Version warten, bis sie auf Windows XP anspringen", sagt auch Kai-Michael Schmuck, Marketing-Chef beim IT-Beratungs- und Leasingunternehmen Comtrade. Noch haben die Berater kaum Aufträge für die Implementierung von Windows XP. Der Boom wird also mit Verspätung kommen. Aber Schmuck ist überzeugt, dass er kommt: "Das wird der Wachstumsmotor für die nächsten fünf bis zehn Jahre." Er setzt vor allem auf neue Anwendungen, die Kunden zwingen, das Betriebssystem zu kaufen. So laufen die neuesten Versionen einiger Anwendungen nicht mehr unter Windows 95 und wohl bald auch nicht mehr unter der populären Folgeversion Windows 98. Wer sich eines Tages über seine superschnelle Internet-Verbindung einen Videofilm ansehen will, wird um Windows XP nicht herumkommen.

In der Vergangenheit haben nach Schmucks Erfahrung große neue Microsoft-Anwendungen immer Neuinvestitionen nach sich gezogen. Außerdem setzt Schmuck auf die deutsche Mentalität: "In Deutschland muss immer alles neu sein."

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