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Starterlaubnis für Internet-Marktplatz

Nachdem der erste Internet-Marktplatz für die Luftfahrtindustrie von den Wettbewerbsbehörden genehmigt worden ist, herrscht in der Branche Goldgräberstimmung. Doch Experten warnen vor Euphorie. Vielen Unternehmen fehlt noch eine koordinierte Internet-Strategie, die Marktplätze kommen für sie zu früh.

HB DÜSSELDORF. Die Luft- und Raumfahrtindustrie sieht die erste EU-Genehmigung für einen Internetmarktplatz in der Branche als entscheidenden Schritt zum elektronischen Zeitalter. "Das hat Signalbedeutung für die ganze Branche", sagt Boeing-Sprecher Franzjosef Darius, nachdem die EU-Kommission entschieden hat, dass das Joint Venture "MyAircraft.com" nicht gegen die EU-Wettbewerbsregeln verstößt.

Das Gemeinschaftsunternehmen der Luftfahrtzulieferer Honeywell Inc. und United Technologies Corp. (UTC) soll eine Plattform sein, auf der die gesamte Branche Ersatzteile und Dienstleistungen ordern kann. Um weitere Kartellbedenken zu zerstreuen, betont auch Scott Clements, Vice President bei MyAircraft.com, dass das Joint Venture komplett getrennt geführt werde und Honeywell und UTC dort genauso behandelt würden wie jeder andere Kunde.

Entscheidend für die Beurteilung durch die EU war jedoch, dass MyAircraft.com im Wettbewerb zu anderen Internetmarktplätzen in der Branche steht. So haben die Hersteller Boeing, Raytheon, Lockheed Martin und BAE Systems jetzt einen gemeinsamen Marktplatz mit dem Namen "Exostar" ins Leben gerufen. Ebenfalls ein branchenweiter elektronischer Handelsplatz für Ersatzteile und Dienstleistungen soll "Aeroxchange" werden, gegründet von 13 internationalen Fluggesellschaften, darunter auch Lufthansa. Eine ähnliche Initiative ist auch "Aerospan.com". Dahinter steht das Unternehmen Sita, ein Anbieter von elektronischen Systemen und Telekommunikationslösungen für die Luftfahrt.

In der Branche herrscht geradezu Goldgräberstimmung. "Die alte Industrie will von den Vorteilen der New Economy profitieren", bringt es George David, CEO von United Technologies auf den Punkt. Einer Studie von Forrester Research zufolge wurde bereits 1998 in der Luft- und Raumfahrtindustrie ein Umsatz von etwa 2,5 Mrd. $ im elektronischen Handel erzielt, der bis 2003 auf 38,2 Mrd. $ steigen soll. Davon wollen sich alle Unternehmen ein möglichst großes Stück abschneiden.

Doch Experten warnen vor zu großer Euphorie. "Bei den meisten Unternehmen gibt es noch keinen koordinierten, ganzheitlichen Ansatz für das gesamte E-Business", kritisiert Manfred Gertz von der Diebold Management- und Technologieberatung. Er hat gemeinsam mit seinem Kollegen Boris Krahl untersucht, wie gut die Luft- und Raumfahrtindustrie auf das digitale Zeitalter vorbereitet ist.

Das Ergebnis ist ernüchternd: Während mit großen Auftritten neue Internetmarktplätze angekündigt werden, so die Einschätzung der Berater, haben die Unternehmen intern noch nicht die Voraussetzungen geschaffen, dass das Internetgeschäft zum Erfolg wird. "Wir beobachten mit großer Skepsis, was da so schnell aus dem Boden gestampft wird", erklärt Gertz und betont: "Zunächst müsste einmal jeder einzelne Prozess im Unternehmen untersucht werden, wo die Schnittstelle zum E-Business liegt."

Erst dann können gemeinsame Standards für die Branche gefunden werden. "Wenn aber die Firmen nicht in der Lage sind, ihre verschiedenartigen Planungs-, Beschaffungs- und Finanztransaktionssysteme mit ihren Geschäftspartnern abzustimmen, wird sich das E-Business als Trugschluss erweisen", sagt Dana Jennings vom Beratungsunternehmen Deloitte Consulting. Erschwerend, so die Einschätzung der Experten, komme hinzu, dass in der Branche ein hoher Spezialisierungsgrad herrsche. Außerdem müsse eine gewaltige Zahl von verschiedenen Teilen und Prozessen erfasst werden.

"Die Verantwortlichen haben anscheinend das Ausmaß der Veränderungen noch nicht erkannt, die das Internet für ihre Branche mit sich bringt", hat Diebold-Berater Gertz beobachtet. Zahlreiche Studien belegen, dass sich das Topmanagement noch nicht ausreichend des Themas angenommen hat - sowohl bei den Herstellern als auch bei den Fluggesellschaften . Eine Umfrage des Luftfahrtdienstleisters Sita unter 150 Fluggesellschaften beispielsweise ergab, dass nur 67 % der befragten Airlines einen Vorstand mit spezieller Verantwortung für die Informationstechnologie haben. In der gleichen Umfrage wurde als eines der größten Hindernisse für eine erfolgreiche IT-Strategie die mangelnde Unterstützung durch die Unternehmensführung genannt.

Im Grunde befindet sich die europäische Luft- und Raumfahrtindustrie zurzeit in einer idealen Situation. "Durch die Neustrukturierungen, die nach den Fusionen notwendig geworden sind, haben die Unternehmen die Möglichkeit, ohne großen Zusatzaufwand sämtliche Bereiche auf das E-Business umzustellen", so Diebold-Berater Gertz.

Der neuformierte Branchenriese EADS scheint diese Chance erkannt zu haben. Das deutsch-französisch-spanische Unternehmen zögert noch, sich einer der Brancheninitiativen anzuschließen. "Wir untersuchen zurzeit, ob nicht eine eigene Internet-Lösung aus dem Unternehmen die bessere Alternative ist", erklärt ein Sprecher.

Florian Kolf
Florian Kolf
Handelsblatt / Teamleiter Handel und Konsum
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