Stasi-Opfer gegen Biathleten
Proteste bei Biathlon-WM in Oberhof angekündigt

Bei der Biathlon-WM im Februar in Oberhof werden ehemalige Stasi-Mitarbeiter in verschiedenen Positionen eingesetzt werden. Für die Verantwortlichen ist dies kein Problem.

HB BERLIN. Die Biathlon-Weltmeisterschaften im thüringischen Oberhof sind im kommenden Jahr das sportliche Topereignis in Deutschland. Bundespräsident Johannes Rau hat für die Veranstaltung vom 6. bis zum 15. Januar 2004 dann auch gerne die Schirmherrschaft übernommen.

Nachdem Biathlon sich zu einem wahren Zuschauermagneten im Fernsehen entwickelt hat, wird auch Bundeskanzler Gerhard Schröder im Thüringer Wald erwartet. Doch wie das Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» in seiner aktuellen Ausgabe berichtet, sollen die Weltmeisterschaften zu einer «Resozialisierungs-Aktion für stasibelastete Sportfunktionäre» werden.

In Thüringen kommen bei der WM ehemalige Mitarbeiter des DDR-Geheimdienstes in führender Position zum Zuge. Augenscheinlich haben sportbegeisterte CDU-Politiker wie Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus und Innenminister Andreas Trautvetter nichts dagegen einzuwenden. Die Negativerfahrungen, die die Leipziger Olympiabewerbung mit stasibelasteten Mitarbeitern gemacht haben, ändert daran scheinbar nichts.

So haben sich bei der Biathlon-WM belastete Kader des SED-Regimes unter die Trainer, Betreuer, Organisatoren und Helfer gemischt. Die WM-Organisatoren beriefen den 52-jährigen Thüringer Karl-Heinz Wolf zum Wettkampfleiter. Der ehemalige Cheftrainer des DDR-Armeesportklubs Oberhof und NVA-Major, dessen Stasimitarbeit seit 1995 öffentlich bekannt ist, wurde vergangene Woche auf einer Pressekonferenz vorgestellt.

Zwar hatte die Bundeswehr den langjährigen Mielke-Mann Wolf wegen seiner skrupellosen Spitzeltätigkeit entlassen, doch als Sportdirektor des WSV Oberhof, des laut Eigenwerbung «erfolgreichsten Wintersportvereins der Welt», startete IM «Ernst» eine neue Karriere. Pikant ist dies auch deshalb, weil dem Verein seit einem Jahr mit Michael Heym ausgerechnet ein CDU-Abgeordneter des Thüringer Landtags als Präsident vorsteht. Heym kündigte bereits zum Biathlon-Weltcup im Januar 2003 eine Prüfung der Stasiverstrickung seines hauptamtlichen Sportdirektors an, offenbar ohne Konsequenzen.

Einst lieferte Wolf der Stasi auch intime Einschätzungen zu einzelnen Sportler. Über Frank Ullrich, den DDR-Biathlon-Olympiasieger von 1980, berichtete «Ernst» laut Stasiunterlagen, dass dieser «starke charakterliche Schwächen» habe. Heute ist Ullrich Biathlon-Bundestrainer und soll die deutschen Männer in Oberhof auf Goldkurs bringen.

Bei der Biathlon-WM ist Hans Hartleb für die Zeitnahme verantwortlich, der als Wissenschaftler am Olympiastützpunkt Oberhof angestellt ist und die deutsche Nationalmannschaft betreut. Laut Stasiakten hatte er sich einst als IMS «Falun» über den DDR-Skisprung-Olympiasieger Hans-Georg Aschenbach empört, der in den Westen geflohen war. Aschenbach, so der IM, sei ein «großes Schwein», das vor «nichts zurückschreckt».

Auch Herbert Jäger, der für die Stasi als IM «Bussard» spitzelte, wird bei der WM in Oberhof dabei sein. Bei einer Regionalkonferenz des DDR-Sportbundes, so heißt es in Stasiakten von 1984, hat der damalige Funktionär vor einem Biathlon-Weltcup in Oberhof gefordert, man müsse verhindern, dass den BRD-Athleten applaudiert würde. Aus diesem Grunde sei die Volkspolizei straff zu organisieren und die Parkplatzordnung zu ändern.

Jetzt kann der Ex-Stasimann Jäger alte Qualitäten ausspielen: Im WM-Organisationsstab ist er zuständig für die Ordner auf den Parkplätzen. Für den Transport der WM-Teilnehmer wird der ehemalige NVA-Oberstleutnant vom ASK Oberhof, Eberhard Kohl, sorgen, der Kritikern der Stasi- und SED-Seilschaften im Oberhofer Sport, schon mal mit Prügel drohte. Alte Genossen wie Kohl hätten gern, dass die Verflechtung vieler Sportfunktionäre mit dem Mielke-Ministerium in Vergessenheit gerät. Beleidigt reagiert man auf Vorwürfe. «Immer wenn wir denken, jetzt haben wir Ruhe, gibt es die nächste Stasi-Doping-Geschichte», sagte vor Monaten etwa Claudia Götze, die Pressechefin der WM.

Mit Blick auf die Veröffentlichung im «Spiegel» sagte Götze am Freitag der Nachrichtenagentur AP zur Stasi-Vergangenheit von Wolf. «Er ist auf seinem Gebiet der Fachmann schlechthin.» Die Vorsitzende der Stasikommission des Deutschen Sportbundes, Hanna-Renate Laurien, stellte bereits Ende im August dieses Jahres fest, dass Wolf «ein ganz schlimmer Denunziant» gewesen sei. Unbeeindruckt von Wolfs Vergangenheit zeigt sich auch Wolfgang Filbrich, der Chef des Organisationskomitees. Wie er in der «Thüringer Allgemeinen» (Samstagausgabe) sagte, seien die Vorwürfe gegen Wolf in Oberhof seit zehn Jahren bekannt. «Seine Vergangenheit hat aber nichts mit seiner ehrenamtlichen Tätigkeit bei der WM zu tun», sagte Filbrich, ein ehemaliger Offizierskollege von Wolf.

Die bespitzelten Sportler wollen sich deshalb wehren und haben öffentlichkeitswirksame Aktionen angekündigt. Hildigund Neubert, Stasibeauftrage des Landes Thüringen, unterstützt diese Proteste. «Es macht mich traurig, es schadet dem Sport und spottet der Opfer, wie die Verantwortlichen mit dem Stasiproblem umgehen».

Gerade wenn Verbände oder Veranstaltungen wie bei der WM reichlich mit öffentlichem Geld unterstützt werden, müsse ein «Mindestmaß an Aufarbeitung da sein». Die Realität sieht in Oberhof allerdings anders aus.

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