Statistisch sind die Chancen für Opfer gut
Psychologen: Geiselnahmen meist ungeplant

Der typische Geiselnehmer ist ein gewöhnlicher Krimineller, bei dessen Überfall etwas schief läuft. Psychologen und Kriminalisten haben auf Grund ihrer Erfahrungen dieses Täterprofil ziemlich klar umrissen.

wiwio/ap FRANKFURT. Die überwiegende Zahl der Geiselnahmen ist ungeplant. Wie der Kölner Psychologe Christian Lüdke erklärt, sind es etwa gerade fünf Prozent der Fälle, bei denen die Täter nicht spontan entscheiden, Anwesende als Geiseln zu nehmen.

Typisch sei es, wenn die Polizei die Täter überrasche, sagte Lüdke. Bei der Geiselnahme von Wrestedt könnte nach Aussage des Sprechers der Lüneburger Bezirksregierung, Jürgen Heinle, genau dies der Fall gewesen sein. Dennoch haben die Opfer statistisch gesehen gute Aussichten, eine Geiselnahme gesund zu überstehen. Laut Lüdke sind in den vergangenen Jahren gerade mal zwei Prozent von ihnen verletzt oder getötet worden. Bei der Polizeistrategie werde stets die Rettung der Menschenleben vor die Ergreifung der Täter gestellt, fügt der Psychologe hinzu. Bei 80 Prozent liegt nach seiner Aussage die Quote der Geiselnehmer, die aufgeben.

Doch trotz der Erkenntnis, dass die große Mehrheit der Geiselnahmen zum Nachteil der Täter ausgeht, hat das keine abschreckende Wirkung: Die Zahl der Fälle bleibe in Deutschland bei durchschnittlich zehn bis zwölf Geiselnahmen pro Jahr konstant. "Das liegt an der Planlosigkeit der Täter", sagt Lüdke. Bei Überfällen etwa betrage die Plandauer generell nur drei bis vier Tage. "Geiselnehmer planen von der Hand in den Mund", formuliert auch der Leiter des psychologischen Dienstes der hessischen Polizei, Klaus Thiessen.

Polizei und Sicherheitsbehörden sollten sich also auf jeden Fall wappnen. Vor allem seit dem Geiseldrama von Gladbeck sind Strategie und Personal in diesem Bereich stark reformiert worden, wie Thiessen, bestätigt. 1988 hatten die Täter Jürgen Rösner und Dieter Degowski nach einem missglückten Banküberfall zwei Geiseln erschossen. Vor allem die katastrophale Kommunikation und Koordination hätten danach zu einem Umdenken bei der deutschen Polizei geführt, erklärt Thiessen.

Wichtig sei, dass die Kommunikation "aus einem Guss" bestehe. Damit meint Thiessen etwa, dass die Täter mit regelmäßigen Anrufen aufs Handy oder mit direkter Ansprache regelrecht zermürbt werden. Wichtig sei aber immer, dem Geiselnehmer klar zu machen, dass er nur gewinnt, wenn er aufgibt. "Er muss eine Perspektive bekommen", sagt der Polizeipsychologe. Ein Zugriff der Polizei sollte möglichst erst dann erfolgen, wenn der oder die Täter erschöpft und unvorsichtig seien.

Auch Zusammenarbeit mit Medien ist wichtig

Thiessen nennt das die "Verschleißphase", wenn die Täter müde werden und unkontrollierte Drohungen aussprechen. Hier sei es für die Polizei wichtig, Einfluss zu gewinnen, indem sie die Kommunikation steuere. Lüdke fügt hinzu, dass auch die Zusammenarbeit mit den Medien, die in Gladbeck teilweise besser informiert waren als die Polizei, verbessert wurde.

Eines, das in Gladbeck schief ging, ist auch in Wrestedt misslungen: "Eine mobile Geiselnahme darf nicht zugelassen werden", sagt Lüdke. Denn sonst käme zu den anderen Schwierigkeiten auch die der regionalen Zuständigkeiten. Und da kommt es nun natürlich zu besonderen Problemen, da gleich mehrere Staaten und Fremdsprachen eine Rolle spielen. Ein extrem schwieriger Fall, schätzt Lüdke.

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