Stehaufmännchen des Tennissports feiert 50. Turniersieg
Agassi pfeift auf ein Denkmal

Als er im Januar noch vor dem ersten Australian Open-Ballwechsel verletzt und frustriert aus Melbourne abreiste, da schien seine großartige Karriere ernsthaft in Gefahr. Doch fast genau zwei Monate nach dem überstürzten und mysteriösen Abgang in Australien ist der faszinierendste Tennisspieler dieser Epoche endgültig wieder da.

HB SCOTTSDALE. Mit seinem 50. Turniersieg, einem mühelosen 6:2, 7:6 (7:2)-Erfolg über den Spanier Juan Balcells, wischte ein topfitter Andre Agassi in Scottsdale auch seine eigenen Befürchtungen zur Seite, die schwere Handgelenksverletzung könne zum Killer seiner Profilaufbahn werden. "Immer dann, wenn sich alles gegen mich zu verschwören scheint, bin ich am stärksten", sagt Agassi, der am späten Sonntagabend in Arizona das halbe Hundert Triumphe im Tourzirkus perfekt machte. Vor ihm haben erst sieben Spieler in der 1968 eröffneten Open-Ära mindestens 50 Turniere gewonnen.

In der Euphorie eines wieder einmal geglückten Comebacks stellt Agassi, der nächsten Monat 32 Jahre alt wird, sogar noch eine Verlängerung seiner Karriere bis weit in die Dreissiger in Aussicht: "Ich träume davon, dass mich mein Sohn auf dem Center Court spielen sieht", erklärt er. Der kleine Jaden Gil aber ist erst zarte vier Monate alt; also noch genug Zeit für den erstklassig austrainierten Agassi, die Zahl seiner Siege weiter in die Höhe zu schrauben. "Er ist fitter als die meisten Zwanzig- bis Fünfundzwanzigjährigen auf der Tour", sagt Agassis engster Freund, sein Konditionstrainer Gil Reyes. Wenn der Profi gesund bleibe und seine Motivation "nicht aus heiterem Himmel verliert", so Reyes, "dann wird er noch so manche Rekordmarke zum Purzeln bringen."

Inzwischen ist Agassi nach Jimmy Connors, dem Matadoren der siebziger und achtziger Jahre, schon der erfolgreichste Tennisspieler in späten Karrierejahren. Allein vier seiner sieben Grand-Slam-Paukenschläge gelangen dem Musterathleten nach seinem 29. Geburtstag, darunter auch der wegweisende French-Open-Sieg 1999. Die meisten seiner erbitterten Gegner im Wanderzirkus hat Agassi schon um Jahre überlebt, auch weil er sich in seiner ersten Karrierephase immer wieder längere Auszeiten nahm. "Tennis war nicht immer mein ganzes Leben", sagt Agassi, der 1997 sogar bis auf Platz 141 der Weltrangliste hinabstürzte, um anschließend umso strahlender wieder aus den Niederungen aufzusteigen: "50 ist eine schöne runde Zahl. Aber ich will noch ein bisschen weiter in der Tabelle." Dabei hat der Amerikaner Pete Sampras (63 Siege), Björn Borg und Guilermo Vilas (jeweils 62 Siege) oder Ilie Nastase (57 Siege) im Blick.

Mehr als 14 Jahre lang, seit seinem ersten Turniersieg im brasilianischen Itaparica gegen Lokalmatador Luiz Mattar, steht Agassi nun als schillerndster Superstar seiner Zeit im globalen Rampenlicht. Dabei ist er in seinen Tennis- und Lebensjahren durch viele Höhen und Tiefen gegangen. Er war - mehr in der Werbung als im realen Leben - der langmähnige Rebell und Rock?n?Roll-Star der Center Courts. Er war zwischendurch auch einmal der "Burger King des Tennis", eine untermotivierte und übergewichtige Zielfigur des Branchenspotts. Doch als Mann, der eins der größten sportlichen Comebacks aller Zeiten inszenierte, der nie langweilig war, der mit beinahe 32 Jahren als glücklicher Familienvater noch Teenagern und jungen Wilden eine lange Nase dreht, ist Agassi im Hier und Jetzt schon eine Legende seiner selbst.

"Ich brauche noch kein Denkmal", grinste er am Sonntag, als es ihm zu bunt wurde mit den Huldigungen. "Ich brauche noch ein paar schöne Erfolge, am besten bei den Grand Slams."

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