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Steife Brise fürs Depot

Der Windenergie wird ein rasantes Wachstum vorhergesagt. Anleger sollten bedenken: Wer Wind sät, erntet womöglich Sturm.

20/21.4.2001 Einer wie Poul La Cour käme heute Venture-Capital-Firmen gerade recht. Doch als der dänische Meteorologe 1891 die weltweit erste Windkraftanlage baute, gab es noch keine Wagniskapitalfirmen, die geniale Ideen professionell umsetzen. Erfolg hatte er trotzdem. 1918, zehn Jahre nach seinem Tod, besaßen 120 Elektrizitätswerke Dänemarks eine Windkraftanlage. Allerdings deckten diese Windmühlen lediglich drei Prozent des Strombedarfs.

Soweit ist man in Deutschland heute noch nicht. Etwa zwei Prozent des Primärenergiebedarfs werde durch Windkraft erzeugt, schätzt Gerlinde Gollasch, Analystin der Bankgesellschaft Berlin. Elektrizitätswerke als Betreiber sind eher die Ausnahme. Immerhin stellt Gollasch fest: "Die großen Energieversorger haben mittlerweile ihren Frieden mit der Windenergie gemacht."

Es blieb ihnen auch nicht viel anderes übrig. Die Regierungen der großen Industrieländer haben sich verpflichtet, den Schadstoffausstoß zu verringern. Windenergie liefert einen, wenn auch subventionierten, Anteil daran. Geregelt sind die Subventionen im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Mit einer zunächst für fünf Jahre festen Vergütung von 17,8 Pfennig je Kilowattstunde (Pf/kWh) legte das EEG die Basis für den Boom der Windkraft in den vergangenen zwei Jahren und ebnete damit Entwicklern von Windkraftanlagen den Weg an die Börse.

Energiekontor, P & T Technology, Plambeck Neue Energien und Umweltkontor leben davon, Standorte für Windkraftanlagen zu identifizieren, zu akquirieren, die Genehmigungsverfahren - oft gegen Widerstände - durchzuziehen und die Anlagen mit Hilfe von Co-Investoren zu bauen. Diese Co-Investoren werden als Kommanditisten angeworben, wobei P & T erst im Sommer mit eigenen Fonds auf den Markt kommen wird.

Doch inzwischen werden die Binnenstandorte in Deutschland knapp. Die Zukunft liegt im Ausland und auf dem Wasser. Genau dort wollen die Windparkentwickler auch hin. Vor allem das Offshore-Geschäft verspricht enorme Umsatzzuwächse, denn das EEG verspricht in diesem Fall sogar für die ersten neun statt für fünf Jahre 17,8 Pf/kWh - trotz höherer Windausbeute. Aber zunächst ist das Offshore-Geschäft riskant und teuer. Letzteres beispielsweise, weil die Fundamente sehr viel kostspieliger sind. Um welche Summen es geht, verdeutlichen die Planzahlen der Entwickler: Plambeck will im Windpark "Borkum Riffgrund" 900 Millionen Euro in 200 Anlagen verbauen. Noch gigantischer sind die Vorhaben von Umweltkontor und Energiekontor: zwei Milliarden Euro für den "Adlergrund" nordöstlich von Rügen und Anlagen im Wert von fünf Milliarden Euro in der Nordsee.

Vor 2005 werde es keine Genehmigungen für deutsche Offshore-Anlagen geben, sagt Burkhard Sawazki. Die würden sich sowieso erst ab fünf Megawatt (MW) Leistung je Windmühle rechnen, erläutert der HSBC-Trinkaus - Analyst. Probleme bei der Genehmigung seien nicht zu unterschätzen. "Nutzungsrivalitäten" gebe es mit Marine, Fischern und Umweltschützern.

P & T konzentriert sich Sawazki zufolge deshalb auf das grundsätzlich risikoärmere Auslandsgeschäft. Doch hat sich P & T mit seinem Engagement in der Türkei nach Ansicht der Aktienprofis ein hohes politisches Risiko zugemutet. Ganz allgemein werden den vier börsennotierten deutschen Windparkentwicklern auf Grund ihres Erfahrungsvorsprungs große Wachstumschancen in Küstenländern wie Spanien, Großbritannien, Griechenland und Portugal prophezeit.

An Plambeck scheiden sich die Geister. M.M. Warburg hat den Titel auf der Kaufliste, wobei die Trennung vom Stromhandel sowie der Kauf des Konkurrenten Norderland Pluspunkte bringt. Dagegen rät Sawazki, Plambeck zu "reduzieren". Plambeck schreibe den Firmenwert (Goodwill) für den gekauften Konkurrenten Norderland über 20 Jahre ab. Normal seien fünf Jahre. Längere Abschreibungsfristen belasten das Jahresergebnis weniger.

Während es bei den Entwicklern darum geht, sich frühzeitig die mancherorts bereits raren Standorte mit hohen Windgeschwindigkeiten zu sichern, befinden sich die Hersteller von Windkraftanlagen im Technologiewettlauf. Vorläufiges Ziel ist die Fünf-Megawatt-Anlage für den Offshore-Windpark. Weit vorn im Megawatt-Wettbewerb sind nach Ansicht der Analysten die dänische Vestas und der Babcock-Borsig-Börsenspross Nordex. Die Rostocker erwischten Anfang des Monats zunächst einen schwachen Start am Neuen Markt. Skeptisch äußert sich Thomas Deser über den Nemax-50-Kandidaten. Der Manager des Fonds UniSector Nature Tech (WKN: 602094) hat beim Börsengang den Eindruck gewonnen, dass die Muttergesellschaft durch Abgabe eines 60-Prozent-Paketes Kasse machen wollte. Im Nature-Tech-Fonds sind neben Vestas und NEG Micron auch in geringem Umfang Gamesa-Aktien enthalten. Lizenzen für den spanischen Anlagenhersteller kommen von Vestas, die auch an Gamesa beteiligt sind. HSBC in London empfiehlt NEG Micron zum Kauf und stellt Vestas, weil hoch bewertet, lediglich auf Halten.

Eine Antwort auf die Frage, ob Anleger Hersteller oder Entwickler kaufen sollten, fällt den Profis schwer. Frankfurt-Trust-Manager Diehl (FT New Generation - WKN: 977036), wirft die "hohen Markteintrittsbarrieren" für die Hersteller in die Waagschale. Das erleichtert den Überblick. Den behält auch, wer Merck-Fink-Analyst Alexander Kachler folgt und das Risiko durch Öko-Fonds und Zertifikate streut.

Wer dennoch mit seinem Aktienkauf ein bisschen Wagnis finanzieren möchte, sollte seine übrigen Geldanlagen auf jeden Fall gegen Börsenstürme absichern, bevor er sich den Wind ins Depot holt.

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