Steigen die Aktien, dann wird die amtierende Partei wieder gewählt
Die Wall Street liebt keine Überraschungen

dpa-afx NEW YORK (dpa-AFX) - An der Wall Street gibt es im diesjährigen US-Präsidentschaftswahlkampf keinen klaren Favoriten: Zwar schlägt das Herz des Kapitals traditionell eher rechts und damit für den Republikaner George W. Bush, doch noch lieber wäre den Investmentbankern eine Wiederwahl des Status quo, kombiniert mit einem ewigen Leben für Zentralbankchef Alan Greenspan. Das seit Jahren bestehende Patt zwischen dem demokratischen Präsidenten Bill Clinton und dem republikanisch beherrschten US-Kongress hat sich nach Ansicht vieler Analysten für die Anleger als Segen erwiesen. Börsenspekulanten mögen Spielernaturen sein, doch sie hassen nichts mehr als Überraschungen.

Wenn im Weißen Haus eine andere Partei am Ruder ist als im Parlament, herrscht in Washington nach Ansicht von Art Hogan "eine Art von Machtbalance", die nennenswerte Änderungen in der Haushaltspolitik verhindert. "Für die Märkte ist dies das Beste", meint der Wertpapierstratege von Jefferies and Co. in New York. Die Erfahrungen der Clinton-Ära scheinen ihm Recht zu geben. In den vergangenen zehn Jahren stieg der Dow-Jones-Index aus den 30 größten Industriewerten um rund 350 Prozent und der Hightech-Index Nasdaq sogar um 930 Prozent.

Manche Branchen wünschen einen Wechsel

Dass sich manche Branchen dennoch einen Wechsel zu Bush wünschen, wurde in den vergangenen Wochen mehrfach sichtbar: Verbessert sich der Texaner in Umfragen, dann zeigen an den US-Börsen die Pharma-, Rüstungs- und Energiewerte nach oben. Der demokratische Vizepräsident Al Gore pflegt im Wahlkampf das Image eines Kämpfers gegen diese mächtigen Industrien. Allerdings glaubt an der Wall Street kaum jemand, dass er seine Drohungen gegen die Konzerne nach der Wahl auch wahr macht.

Während Bush das große Kapital auf seiner Seite hat, genießt der Vizepräsident die Sympathien der Rentenmärkte, die von der sparsamen Haushaltspolitik und der Zurückführung der Staatsschulden unter Clinton profitie rt haben. Wer sein Geld in Anleihen hat, sieht den Steuersenkungen, die der republikanische Präsidentschaftskandidat verspricht, mit Misstrauen entgegen. Wird frisches Geld in die Wirtschaft gepumpt, dann könnte dies Greenspans Bemühungen durchkreuzen, die Konjunktur nach langem Wachstum sanft zur Landung zu bringen. Hinter vorgehaltener Hand stößt Bushs Steuerprogramm bei den Gouverneuren der Zentralbank deshalb auf Kritik.

Die potenziellen Auswirkungen haushaltspolitischer Maßnahmen auf die Märkte sind ein Thema, um das sich keiner der beiden Präsidentschaftskandidaten drücken kann. Laut einer Studie des Wirtschaftsmagazins "Economist" werden dieses Jahr zwei Drittel der Wähler zugleich Aktionäre sein, während sie bei der vorherigen Wahl nur ein Drittel ausmachten. "Beide Parteien bemühen sich mehr um die Investoren als früher", meint der Marktstratege Bill Meehan von Cantor Fitzgerald. "Es handelt sich schließlich um einen sehr großen Wählerblock."

Wenn der Dow steigt, wird die amtierende Partei gewählt

Bleibt der Alltag an der Wall Street, der seine eigenen Indikatoren birgt, um den Ausgang der Wahl am 7. November vorauszusagen. Die "New York Times" hat herausgefunden, dass die amtierende Partei wiedergewählt wird, solange der Dow Jones zwischen Ende Juli und Ende Oktober steigt. Fallen die Aktien, dann hat die Opposition die besseren Siegchancen. Bei den 25 Wahlen seit der Erfindung des wichtigsten US-Börsenbarometers hat diese Regel nur drei Mal versagt. Angesichts von 50 Mio. Aktionären in den USA könnte sie sich dieses Jahr ein weiteres Mal bewahrheiten.

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