Steigende Lebensmittelpreise
Die Hungernden revoltieren

Seit Tagen erfüllt ein rhythmischer Ruf die Straßen Haitis. Ein Ruf, ausgestoßen mit Wut im leerem Magen: "bat teneb" - "Haut den Topf" skandieren die Menschen auf Kreolisch. Von Les Cayes im Süden bis Cap Haitien im Norden Haitis machen sie ihrem Ärger über mittlerweile unerschwingliche Lebensmittel Luft. Die weltweite steigende Inflation triftt die Ärmsten mit aller Wucht.

PORT-AU-PRINCE. Immer öfters bleibt der Topf in Haiti leer.In den vergangenen Tagen haben aufgebrachte Menschen Barrieren gebaut, Autos und Reifen angezündet, Banken und Supermärkte geplündert und versucht den Präsidentenpalast im Herzen der Hauptstadt Port-au-Prince zu stürmen. Polizei und Einheiten der Uno-Blauhelmtruppe Minustah gingen mit Gummigeschossen und Tränengas dazwischen. Bei den Protesten kamen mindestens fünf Menschen ums Leben.

"Die Menschen sind mit ihrer Geduld am Ende und das ständige Warten auf eine Verbesserung der Lage leid", sagt Michael Kühn, Leiter der Deutschen Welthungerhilfe in Haiti. Dass sich dabei der Frust mit aller Gewalt Bahn bricht, zeige, wir groß der Ärger bei der Bevölkerung sei.

Haiti ist ein Stück Afrika in Lateinamerika. Der karibische Staat, der sich mit dem Urlauberparadies Dominikanische Republik die Insel Hispaniola teilt, ist das ärmste Land der westlichen Hemisphäre. Hier leben 80 Prozent der Bevölkerung von weniger als zwei Dollar am Tag. Wenn sich dann die Preise für Grundnahrungsmittel in wenigen Monaten fast verdoppeln, droht vielen Menschen schlicht der Hungertod. Ein Sack mit rund 60 Kilogramm Reis kostet mittlerweile 70 Dollar. Auch die Preise für Mais, Bohnen und Öl haben sich verdoppelt. Und so ist es bei vielen Haitianern die Angst ums nackte Überleben, die sie auf die Straße treibt.

Die Proteste werden von Banden angeheizt, die dem früheren Präsidenten Bertrand Aristide nahe stehen, und die den allgemeinen Aufruhr zum Sturz von Präsident René Préval nützen wollen. Préval, der für den Frust seiner Bevölkerung zunächst Verständnis zeigte, forderte nun, die Plünderungen umgehend einzustellen: "Ich befehle Euch, damit aufzuhören." Der Präsident macht die Verteuerung der Grundnahrungsmittel auf dem Weltmarkt für die Hungerrevolten verantwortlich. Daher kündigte er die vorübergehende Abschaffung der Einfuhrzölle auf Milch und Reis an.

Zudem werden die Beamtengehälter um zehn Prozent gekürzt, um das Geld in die Nothilfe zu stecken. Der Karibikstaat ist von Verteuerung und Verknappung der Lebensmittel auf den Weltmärkten besonders betroffen, da er alleine nicht lebensfähig und massiv auf Nahrungsmittelimporte angewiesen ist. Daher wirken sich Preisausschläge besonders drastisch aus. Die Preise für Milchprodukte und Getreide sind in den letzten zwölf Monaten weltweit um das Doppelte oder gar das Vierfache gestiegen. Zum einen weil Ländern wie Indien und China mehr Lebens- und Futtermittel nachfragen; auch der Einsatz von Nahrungsmitteln für Biotreibstoff dreht weltweit an der Preisspirale. Zudem tragen Spekulanten an den Börsen ihren Teil dazu bei, die mit Mais und Reis an Warenterminmärkten zocken.

Land im chronischen Chaos

Dazu kommen hausgemachte Probleme. "Die Krise zeigt, wie notwendig es ist, die eigene landwirtschaftliche Produktion zu entwickeln", betont Welthungerhilfe-Experte Kühn. Doch die Versorgungslage ist desolat und die landwirtschaftliche Fläche durch gerodete Wälder und bei Unwettern weg geschwemmtes Ackerland gering. Die Situation in Haiti gleiche einer "permanenten Katastrophe", urteilt Kühn.

Vor allem deshalb pumpt die Internationale Gemeinschaft jährlich 400 Millionen Dollar in das Land. Dennoch ist die Aufgabe noch immer herkulisch. Aufbau einer Infrastruktur, staatlicher Institutionen, einer funktionierenden Justiz und eines Gesundheitswesens und die Ankurbelung der Wirtschaft müssen davon bestritten werden. Wenn dann noch eine Hungerrevolte hinzukommt, bricht die fragile Ordnung wie ein Kartenhaus in sich zusammen.

Haiti ist ein Land im chronischen Chaos. Politische Instabilität, Umstürze und US-Interventionen ziehen sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des Landes, das 1804 als erstes in Lateinamerika die Fesseln der Kolonialisten abwarf. "Die Unruhen haben das Potential, sich zu einer größeren Krise zu entwickeln und erinnern fatal an den Januar 2004", sagt Entwicklungshelfer Kühn. Damals zwangen die Proteste den Präsidenten Bertrand Aristide dazu, das Land zu verlassen.

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