Steigender Druck auf High-Tech-Firmen und ihre Buchführungspraktiken
Dunkel um Aktienoptionen soll gelichtet werden

Der amerikanische Star-Investor Warren Buffett ist der lauteste Fürsprecher einer Bewegung, die den nächsten Kursrutsch bei Technologieaktien auslösen könnte.

SAN FRANCISCO. Er fordert, wie auch US-Notenbank-Chef Alan Greenspan, dass Aktienoptionen, die an Mitarbeiter vergeben werden, künftig als Aufwand in den Unternehmensbilanzen auftauchen. Das würde die Technologiebranche besonders stark treffen: Schließlich sind 11 der 13 Unternehmen mit den teuersten Aktionoptionsplänen der USA Technologie-Firmen.

Bisher müssen die Kosten für Optionen nur im Kleingedruckten genannt werden. Die neuen Bilanzierungsregeln sollen zu größerer Transparenz für Investoren führen. Denn nach den Bilanzskandalen um Enron und Worldcom ist Durchsichtigkeit in den Finanzen das Gebot der Stunde.

Die Bestrebungen sind für Anleger brisant. Schließlich würden die Gewinne durch solche Maßnahmen bei vielen Unternehmen deutlich geringer ausfallen. Dadurch würde sich auch das Kurs-Gewinn-Verhältnis, das für viele Anleger als Entscheidungshilfe bei Investitionen dient, verschlechtern. Fed-Chef Alan Greenspan lässt dieses Argument gegen eine Bilanz-Reform allerdings nicht gelten: Wenn Investoren wegen Bilanzierungsänderungen bestimmte Branchen mieden, dann zeige das nur, dass sie schlechter informiert sind, als sie es sein sollten. "Wenn die Aktienkurse tatsächlich fallen, dann zeigt das nur, dass es ein Problem gibt", ergänzt Steven Milunovich, Analyst bei Merrill Lynch. Den Investoren sollte klar sein, dass eine Änderung der Buchhaltung die Situation des Unternehmens nicht verändert.

Zwar hat der US-Senat bereits zwei Gesetzesvorschläge zur Veränderung der Optionsbilanzierung abgelehnt und die Lobbyisten der Technologiefirmen arbeiten eifrig daran, auch jeden weiteren zu verhindern. Doch das Thema ist nicht vom Tisch. Der Druck der Öffentlichkeit auf die High-Tech-Firmen wächst, ihre Buchführungspraktiken freiwillig zu ändern.

Dabei beginnt die Front der Technologieunternehmen, die sich gegen die Änderung der Bilanzierungsregel stellt, zu bröckeln: Der Online-Händler Amazon ist das erste IT-Unternehmen, das die Optionen freiwillig als Aufwand in der Bilanz ausweisen will. Dadurch würden die Gewinne im kommenden Jahr geringer ausfallen, kündigte Vorstandschef Jeff Bezos an. Andere Unternehmen wie der Getränkehersteller Coca-Cola , der Finanzdienstleister Banc One, die US-Tageszeitung Washington Post und das Medienunternehmen USA Interactive haben bereits angekündigt, ihre Bilanzierung zu ändern. Eine Studie des Investmenthauses Merrill Lynch zeigt, wie stark die Gewinne der Technologiefirmen beeinträchtigt werden könnten. Beim Computerhersteller Hewlett-Packard wäre der Ertrag pro Aktie im Geschäftsjahr 2001 um 109 % geringer ausgefallen, bei IBM (-15 %), bei Microsoft (- 29 %) und bei Intel (-79 %). Die gesamte Technologiebranche hätte um 39 % geringere Gewinne pro Aktie ausweisen müssen. Die Gewinne der im Aktien-Index S & P 500 notierten Unternehmen wären um 21 % niedriger ausgefallen.

Für den Brausefabrikant Coca-Cola, der die Optionen als Kosten verbuchen will, macht sich die neue Bi-lanzierung laut Merrill Lynch dage-gen kaum bemerkbar: Der Gewinn pro Aktie wäre im vergangenen Ge-schäftsjahr lediglich um 6 % gesenkt worden. Für Technologiefirmen sind die Aktien nicht nur ein günstiges Mittel zur Mitarbeiterentlohnung, sondern auch ein probates Instrument zur Steuersenkung. Während die Kosten nicht in der Bilanz auftauchen müssen, können Unternehmen die Differenz zwischen dem Ausgabe- und dem Ausübungspreis beim Finanzamt geltend machen. Der Netzwerkausrüster Lucent verringerte dadurch im Geschäftsjahr 2000 seine Steuerschuld um 1 Mrd. $.

Der Widerstand der Technologiefirmen gegen die Optionsklauseln ist allerdings nicht allein im Wunsch nach höheren Gewinnen begründet. Denn der Wert von Aktienoptionen mit langen Laufzeiten, wie sie etwa Intel herausgibt, ist nicht einfach zu berechnen, da sowohl künftige Dividenden als auch Änderungen im Aktienkurs bei den Rechenmodellen eine Rolle spielen (siehe Kasten). "Kleine Fehler bei der Fortschreibung der Dividenden wirken sich stark auf den Wert der langfristigen Optionen aus", sagt Mark Rubinstein, Finanz-Professor an der University of California. Tatsächlich gibt es eine ganze Reihe von Vorschlägen, aber keine anerkannte Lösung, wie Aktienoptionen ohne große Fehlerquoten und noch größerer Unsicherheit als bisher in der Bilanz erscheinen könnten. Intel-Sprecher Mulloy glaubt, dass die Transparenz durch einen solchen Schritt nicht erhöht, sondern gemindert würde. "Das könnte das Aus für Aktienoptionsprogramme bei Intel bedeuten", orakelt er.

Quelle: Handelsblatt

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%