Steigerung der Leistungstiefe
Die wichtigen Prozesse im Griff behalten

Geht es nach den Wünschen der großen IT-Dienstleistern, dann treffen Unternehmenslenker bald nur noch strategische Entscheidungen. Deren Ausgestaltung und Umsetzung überlassen sie dann Externen, so hoffen Firmen wie T-Systems, Siemens Business Services, HP oder IBM, die dafür gerne bereit stehen. In der Praxis scheuen sich viele Manager allerdings noch davor, zu viele Kompetenzen aus der Hand zu geben.

Mit dem "Business Process Outsourcing" (BPO) sollen künftig verstärkt ganze Geschäftsprozesse an einen externen Dienstleister ausgelagert werden - eine neue Qualität der Arbeitsteilung. Dass die Auslagerung von Unternehmensfunktionen nun forciert wird, liegt sicher auch in der Situation der Anbieter begründet: Der Markt für konventionelles IT-Outsourcing nähert sich der Sättigung. Fast kein größeres Unternehmen, das nicht den Betrieb von Rechenzentren, Webservern und Netzwerken oder die Wartung von Standardsoftware an eine Fremdfirma abgegeben hätte. Dabei sind die Margen der Externen durch den Spardruck der Kunden und die wachsende Konkurrenz immer mehr zusammengeschmolzen.

Anstatt in dieser Lage durch das weitere Optimieren der Standardangebote noch einige Cent herauszuquetschen, setzen die Anbieter lieber auf die Steigerung ihrer Leistungstiefe: Mit individuellen Diensten versucht man sich unterscheidbar zu machen und höhere Einnahmen zu erzielen.

Im Bemühen, einen Trend zu manifestieren, folgten dem Schlüsselwort "BPO" eine Vielzahl von Marketingbegriffen wie "Business on demand" (IBM), "Adaptive Enterprise" (HP) oder "Managed Business Flexibility" (T-Systems). Die Vision der Telekom-Tochter: Dienstleister steuern in Zukunft eigenverantwortlich die gesamte Infrastruktur eines Unternehmens und reagieren auch selbstständig auf Markterfordernisse. Kamyar Niroumand aus der T-Systems-Geschäftsführung beschreibt das so: "Der IT-Chef wird zum Sourcing-Manager. Statt selbst Hand anzulegen, Lösungen zeitaufwändig zu einem Gesamtsystem zu integrieren, gibt er ausschließlich die strategische IT-Landschaft vor." Ein Vorteil: Die Kosten und Wertbeiträge der IT könnten auf diese Weise transparenter gemacht werden. "Gelingt es dem CIO zusätzlich, ein Risk-Sharing-Modell auszuhandeln, bindet sich der Dienstleister direkt an den Erfolg des Kunden", so Niroumand. "Daraus resultiert ein partnerschaftliches, verantwortliches Handeln auf beiden Seiten."

So weit die Theorie. Ob es wirklich dazu kommt, dass die IT-Verantwortlichen aus den Unternehmenszielen nur noch IT-Strategien entwickeln, ist eine andere Frage. Bisher jedenfalls legen Top-Entscheider Wert darauf, auch bei komplexen Outsourcing-Projekten die entscheidenden Stellschrauben selbst in der Hand zu behalten. Das gilt zum Beispiel für Herwig Alt, Personalchef von weltweit 5 800 Mitarbeitern des Lübecker Medizintechnik-Unternehmens Dräger Medical. Alt ist gerade dabei, die gesamte Lohn- und Gehaltsabrechnung seiner Mitarbeiter an den BPO-Spezialisten Automatic Data Processing ADP auszulagern. Gleichzeitig übernimmt ADP den Betrieb einer Personalentwicklungs-Software, mit der auch die Suche und Auswahl neuer Mitarbeiter gesteuert wird. Über die Abläufe bestimmt allerdings Dräger allein. Grund: "Eine Fremdfirma könnte unsere Unternehmenskultur und Strategie nie so gut verstehen wie wir selbst", sagt Alt. Andreas Kiefer, Deutschlandchef von ADP, stimmt zu. "Es hat keinen Sinn, das Management von Dingen auszulagern, über die am Ende ganz allein der Kunde entscheidet. Alles Dispositive sollte auf jeden Fall im Unternehmen bleiben."

Diesen Grundsatz sollten sich nach Ansicht von Dirk Reiter, Managing Partner bei Roland Berger, Firmen auch dann zu Herzen nehmen, wenn in Zukunft in der IT immer umfangreichere Aufgaben von Fremdfirmen wahrgenommen werden: "In der Autoindustrie liefern Externe schon heute komplette Hinterachsen direkt an die Bänder der großen Hersteller. Trotzdem brauchen diese intern Leute mit Verständnis, die das Ganze steuern können. Es kommt darauf an, die Prozess-Sicht zu behalten."

Das gilt auch für den Einsatz komplexer Softwareanwendungen. Deren Betrieb und Wartung lässt zwar mittlerweile eine ganze Reihe von Firmen außerhalb des eigenen Hauses erledigen. Aber die Entwicklung gilt dagegen als Herrschaftswissen, zu dem man Fremden ungern Zugang gewährt. Beim Touristikunternehmen Thomas Cook zum Beispiel gab es zwar erste Überlegungen, die Softwareentwicklung nach Polen zu verlagern. "Wir haben uns dann aber dagegen entschieden", so Chief Information Officer Andreas Dietrich. "Schließlich möchten wir nicht, dass es extern Leute gibt, die irgendwann mehr über meine Prozesse wissen als ich selber."

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