Stellenabbau im Luftfahrt-Sektor
Dem Riesen GE geht die Puste aus

Die Zeiten sind rauer geworden - selbst für General Electric Co (GE). Der US-Mischkonzern, der seine Gewinne in den vergangenen neun Jahren ohne Pause um mindestens je 10 % steigerte, wird aller Voraussicht nach einen kleineren Gang einlegen müssen. Marktbeobachter rechnen jetzt für das kommende Jahr mit deutlich niedrigeren Wachstumsraten.

NEW YORK. Am Freitag wird der Konzern mit Sitz in Fairfield im US-Bundesstaat Connecticut sein Quartalsergebnis veröffentlichen. Der Vorstandsvorsitzende Jeffrey Immelt hat den Investoren zwar versichert, dass er seine Prognosen für das dritte Quartal einhalten wird. Und auch für das gesamte Jahr hält Immelt, der im September 2001 die Nachfolge des hochgerühmten Jack Welch antrat, an seinen Versprechungen fest: Er will den operativen Gewinn in diesem Jahr um 17 % steigern - ohne verschiedene Änderungen in den Bilanzierungsregeln zu berücksichtigen. Aber im kommenden Jahr wird es voraussichtlich vorbei sein mit den zweistelligen Wachstumsraten.

GE, dessen Produktpalette von Glühbirnen über Kühlschränke bis hin zu Finanzprodukten reicht, galt wegen seiner breiten Aufstellung lange als weniger anfällig für konjunkturelle Abschwünge. Aber nun sieht es so aus, als gehe die Rezession auch an dem Misch-Konzern nicht vorbei. Der Aktienkurs hat seit Beginn dieses Jahres mehr als ein Drittel seines Wertes eingebüßt.

Plastikgeschäft tritt auf der Stelle

Schon im September hat GE auf verschiedene Schwächen in einzelnen Bereichen hingewiesen. Das Plastikgeschäft tritt auf der Stelle. Und auch die Krise in der Luftfahrt und an den Energiemärkten macht dem Riesen zu schaffen. Der GE-Finanzvorstand Keith Sherin räumte ein, dass das kommende Jahr schwieriger aussieht als erwartet, ohne jedoch genaue Zahlen zu nennen. Diese Woche nun verkündete der Konzern, dass er im Luftfahrtsektor in diesem Jahr 1 000 Mitarbeiter entlassen wird. Weitere 1 200 bis 1 800 könnten im kommenden Jahr hinzukommen, wenn es den großen Fluggesellschaften weiterhin so schlecht geht.

Analysten haben ihre Erwartungen bereits nach unten geschraubt. Die Frage ist vor allem: Wie geht es weiter? Und viele Marktbeobachter wollen nicht warten, bis ihnen Immelt persönlich die schlechten Nachrichten überbringt, wenn sich der Konzern im Dezember konkreter zu den Aussichten für das neue Jahr äußern will. "Ich glaube nicht, dass zweistellige Wachstumsraten wahrscheinlich sind", sagte Jeff Graff, Analyst bei Victory Capital Management, die 28 Millionen GE-Aktien besitzt.

Am Mittwoch dieser Woche gesellte sich auch Scott Davis von der Investmentbank Morgan Stanley zu den Zweiflern. "Das Risiko für einen echten Sturm nimmt zu", schreibt Davis in seinem Kommentar. "GE erfährt derzeit einen Rückgang in drei mächtigen Plattformen gleichzeitig: Im lang-zyklischen Geschäft, im kurz-zyklischen Geschäft und bei GE Capital", erklärt er. GE Capital rechnet in seinem Rückversicherungsgeschäft wegen der Flut in Europa mit 175 Mill. $ Verlust.

Erwartungen heruntergeschraubt

Statt mit einem Gewinn pro Aktie von 1,79 $ rechnet Davis für das kommende Jahr nur noch mit einem Gewinn von 1,70 $. Das sind nur 5 Cent mehr als die 1,65 $, die GE für dieses Jahr vorausgesagt hat - von zweistelligem Wachstum also weit entfernt. Am Donnerstag stufte auch die Investmentbank Merrill Lynch die Aktie auf Neutral herab. Die Bank rechnet für 2003 nur mit einem Gewinn von 1,65 $.

Die Investoren interessiert nicht mehr nur, wie sehr der Gewinn wächst. Seit den Bilanzskandalen von Enron bis Worldcom und Tyco wollen sie wissen, was hinter den Gewinnen steckt: Nicole Parent, Analystin von Banc of America bemängelte gegenüber ihren Kunden die "Qualität und die Zusammensetzung der Gewinne". GE ist vielen Anlegern zu unübersichtlich.

Möglicherweise Bilanztricks im Spiel

Es gibt auch Zweifel, ob die Gewinne der vergangenen Jahre wirklich aus dem Kerngeschäft kamen oder eher durch Bilanztricks oder die mehr als 100 Zu- und Verkäufe zu Stande gekommen, die GE durchschnittlich pro Jahr tätigt. Robert Friedman, Analyst der Rating-Agentur Standard & Poor?s wirft GE schon seit einiger Zeit vor, heikle Bilanzierungsmethoden benutzt zu haben, um kurzfristige Gewinnziele zu erfüllen. Die Verunsicherung, was dran ist an der jahrelangen Erfolgsstory, ist deutlich gewachsen. "Aus dem Bauch heraus sage ich, dass ich nicht glaube, dass es viele Unternehmen gibt, die doppeltes Gewinnwachstum bieten können," sagt Morgan Stanley-Analyst Davis. "Und GE an einem eigenen Standard zu messen ist wahrscheinlich nicht angemessen", fügt er hinzu.

Genau das aber hatte General Electric und vor allem Boss Jack Welch zu fast schon legendären Symbolen werden lassen: Immer etwas besonderes zu sein. Wie so vieles in jüngster Zeit dürfte auch dieser amerikanische Traum nun an der schnöden Realität scheitern.

Quelle: Handelsblatt

Katharina Kort
Katharina Kort
Handelsblatt / Korrespondentin
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