Stellenabbau in Europa auf neuem Höchststand
Unternehmen geben Konjunkturhoffnung auf

In Deutschland ist eine konjunkturelle Besserung nicht in Sicht. Die Kapazitätsauslastung stagniert, das Geschäftsklima hat sich nochmals abgekühlt und die Krise am Bau hält weiter an. Einzig vom Konsum kamen zuletzt leichte Belebungszeichen, während die Investitionslust inzwischen nahe am Gefrierpunkt liegt.

HB DÜSSELDORF. Der Handels- blatt-Frühindikator ist im November weiter von 1,1 % auf 0,9 % gesunken und hat damit seinen Abwärtskurs den fünften Monat in Folge fortgesetzt. Zum Teil verbirgt sich dahinter die Korrektur der zu Jahresbeginn überschäumenden Ifo-Geschäftserwartungen, die auch den Indikator nach oben getrieben hatten. Inzwischen ist dieser Korrekturprozess aber nahezu abgeschlossen - die Erwartungen sind weitgehend auf dem harten Boden der Realität angekommen. Damit dürfte auch der Frühindikator für die künftige Konjunkturentwicklung wieder mehr Führung geben als zuletzt.

Die deutsche Wirtschaft stagniert: Die Kapazitätsauslastung im verarbeitenden Gewerbe hat sich nach Berechnungen des Ifo-Instituts im September nur minimal gegenüber Juni erhöht. Sie blieb gesamtdeutsch auch unter ihrem Niveau vor Jahresfrist.

Frühindikator West: >>Tabellen

Bedenklich ist, dass die Kapazitäten selbst kaum noch ausgeweitet werden. Die Investitionsbereitschaft der Unternehmen war zur Jahresmitte so gering wie schon lange nicht mehr. In keinem anderen Industriezweig steckt das Ifo-Geschäftsklima deutlicher im negativen Bereich, als im Investitionsgüter produzierenden Gewerbe, wo es inzwischen wieder auf dem Niveau von September 2001 liegt.

Auch insgesamt hat sich das Ifo-Geschäftsklima im verarbeitenden Gewerbe im Oktober nochmals eingetrübt, hauptsächlich wegen der erneut verschlechterten Erwartungen. War im Frühjahr noch eine deutliche Mehrheit der Unternehmen davon überzeugt, dass die Geschäfte in den nächsten sechs Monaten besser laufen würden, so ist der Glaube daran inzwischen stark erschüttert. Wenn überhaupt, dann ruhen die Hoffnungen allein auf dem Export.

Die aktuelle Auftragslage bestätigt diese Einschätzung. Im August war es vor allem einem kräftigen Plus im Auslandsgeschäft zu verdanken, dass die Auftragseingänge erstmals seit zwei Monaten wieder leicht gestiegen sind. Dahinter standen aber in erster Linie Großaufträge für die ostdeutsche Investitionsgüterindustrie, während das Exportgeschäft der westdeutschen Unternehmen abflaute.

Konjunkturbarometer Ost: >>Tabellen

Dagegen hat die Inlandsnachfrage ihren Stagnationskurs im August fortgesetzt. Bestenfalls in Trippelschritten hat sie sich in den letzten drei Monaten bewegt und liegt noch immer kaum über ihrem im zweiten Quartal erreichten Tiefpunkt. Immerhin hat sich die Investitionsnachfrage in den letzten beiden Monaten etwas erholt, wobei von einer Trendwende aber noch keine Rede sein kann. Vor Jahresfrist - als sich die Konjunktur ebenfalls in keiner guten Situation befand, war die inländische Investitionsnachfrage noch gut 5 % höher.

Ein Ende der Krise am Bau ist nach wie vor nicht in Sicht. Im August sank die gesamtdeutsche Baunachfrage im Gegenteil auf einen neuen Tiefpunkt. Auch das Ifo-Geschäftsklima im west- und ostdeutschen Bauhauptgewerbe hat sich zuletzt weiter eingetrübt. Die Reparatur der Schäden infolge der Flutkatastrophe dürften das Firmensterben in der nach wie vor überdimensionierten Branche nur etwas verzögern.

Die Konsumflaute scheint dagegen allmählich zu Ende zu gehen und zumindest einer leichten Brise zu weichen. Darauf deutet zum einen das in beiden Teilen Deutschlands zuletzt leicht verbesserte Ifo-Geschäftsklima im Einzelhandel hin. Zum anderen kann man eine leichte Aufwärtstendenz auch aus den gesamtdeutschen Einzelhandelsumsätzen der letzten Monate herauslesen. Schon im zweiten Quartal lief das Geschäft nicht mehr ganz so schlecht wie zu Jahresbeginn; und die Monate Juli und August brachten eine weitere, wenn auch nur sehr verhaltene Besserung. Trotzdem wird das Gesamtjahr wohl mit einem dicken Minus gegenüber 2001 abschließen.

Insgesamt ist derzeit wenig konjunkturelle Dynamik zu spüren, weder nach oben noch nach unten. Während der Frühindikator den Wachstumstrend für 2002 wohl überzeichnet hat, liegt er für den Jahresbeginn 2003 mit knapp 1 % noch unter der Jahresprognose von 1,4 % im Herbstgutachten. Diese erscheint Ulrich van Suntum, der die Handelsblatt-Indikatoren berechnet und Volkswirtschaft in Münster lehrt, u.a. wegen der ausbleibenden Investitionen "noch optimistisch". "Derzeit gibt es kaum Anzeichen für eine Belebung im Westen. Und in Ostdeutschland stehen die Zeichen sogar eher auf Rezession", sagt van Suntum. Darauf deutet jedenfalls das Handelsblatt-Konjunkturbarometer Ost hin, das sich im November weiter von auf-0,8 % von-0,7 % verschlechtert hat.

Hintergrund:

Der Handelsblatt-Frühindikator hat zum vorrangigen Ziel, frühzeitig konjunkturelle Wendepunkte anzuzeigen. Der Vorlauf beträgt etwa ein Vierteljahr. Referenzgröße ist das gesamtdeutsche reale Bruttoinlandsprodukt. Um Saisoneinflüsse auszuschalten, wird es als gleitende Jahresrate berechnet. Das ist die Veränderung der letzten vier Quartale gegenüber den vorherigen vier Quartalen.

Der Handelsblatt-Frühindikator besteht aus fünf Einzelkomponenten. Die aktuellen Entwicklungen in den einzelnen Komponenten lesen Sie hier:

>> Die Stimmung in der gesamtdeutschen Industrie hat sich im Oktober nochmals verschlechtert. Die Ifo-Geschäftserwartungen im verarbeitenden Gewerbe (Gewicht: 40,5 %) sind gesunken - allerdings relativ moderat auf 1,3 von 2,2 Saldopunkten. Die Erwartungen zum Export sind sogar etwas optimistischer geworden.

>> Die Auftragseingänge im verarbeitenden Gewerbe (Gewicht: 15,2 %) sind im August in um 1,2 % gestiegen, vor allem wegen zunehmender Nachfrage aus dem Ausland (+2,4 %). Dahinter standen im wesentlichen Großaufträge. Eine Trendwende ist noch nicht in Sicht.

>> Die Nachfrage im Bauhauptgewerbe (Gewicht: 18,9 %) ist im August saisonbereinigt um knapp 3 % gegenüber Juli gesunken. Einem Rückgang im Westen stand ein hohes Plus im Osten gegenüber. Der Wohnungsbau hat als einziger Bereich nicht weiter nachgegeben.

>> Die gesamtdeutschen Einzelhandelsumsätze (Gewicht: 17,3 %) sind im August um gut 1 % gestiegen und haben damit den leichten Rückgang von Juli mehr als ausgeglichen. Es besteht Hoffnung auf ein Ende der Konsumflaute.

>> Die Zinsdifferenz (Gewicht: 8 %, mit negativem Vorzeichen) hat sich im Oktober zum ersten Mal seit acht Monaten ausgeweitet: auf 1 von 0,9 %. Die Durchschnittsrendite festverzinslicher Wertpapiere stieg auf knapp 4,3 von 4,2 % im Vormonat.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%