Stellengarantie im Gegenzug selten
Das gute Vorbild

Wenn Unternehmen Gehaltsverzicht fordern, betrifft das häufig auch die Manager. Auch sie schnallen in Krisenzeiten den Gürtel enger.

Lufthansa-Chef Jürgen Weber zeigte sich erleichtert: Nach wochenlangen Verhandlungen verständigte sich der Vorstand der Airline Anfang Dezember mit Vertretern der Gewerkschaft Verdi für das Boden- und Kabinenpersonal sowie der Vereinigung Cockpit für die Piloten auf ein Maßnahmenpaket zur Personalkostensenkung. Die Folgen der New Yorker Terroranschläge hatten das bereits zuvor flaue Geschäft zusätzlich belastet. Seither summieren sich die Einnahmeausfälle auf rund eine Milliarde Euro - ein gefährlicher Verlust.

Die Arbeitnehmervertreter waren zwar grundsätzlich bereit, einen Beitrag zur Entschärfung der Lage zu leisten, wollten aber Webers Konzept einer Personalkostenentlastung von rund 350 Millionen Euro nicht akzeptieren. Am Ende trafen sich beide Seiten bei rund 210 Millionen Euro.

Zu dieser Einigung hat wohl auch die persönliche Opferbereitschaft des LH-Vorstandes beigetragen: Weber hatte während der Verhandlungen verkündet, er und seine Kollegen würden auf zehn Prozent ihrer Grundbezüge verzichten. Zugleich hatte er die Erwartung geäußert, dass nicht nur die Vertreter von Verdi und Cockpit, sondern "das gesamte Führungsteam" der Lufthansa "dies als Signal versteht". Es blieb nicht nur bei der Mahnung: In Absprache mit den Sprecherausschüssen der Leitenden Angestellten forderte der Personalvorstand Ende November die rund 1 000 Mitglieder der LH-Führungsmannschaft auf, ab Februar 2002 einer zunächst auf sechs Monate begrenzten Kürzung ihrer fixen Bezüge zuzustimmen: Die Ebenen A und B sollen auf sieben Prozent, die untere Ebene C auf fünf Prozent verzichten. Der Vorstand bat um Antwort bis Mitte Januar. LH-Öffentlichkeitsarbeiter Thomas Ellerbeck zeigt sich überzeugt, dass die "überwältigende Mehrheit" die Abstriche akzeptiert.

Weitere Beispiele gibt es genug

Die Lufthansa ist nicht das einzige deutsche Unternehmen, das seine Mitarbeiter aufgefordert hat, den Gürtel enger zu schnallen. Kurz zuvor war die Crew des Charterfliegers LTU gefordert, der durch den Absturz seines Ex-Mehrheitseigners Swissair in Turbulenzen geraten war. Um die Sanierung und die Suche nach einem neuen Einsteiger zu erleichtern, hatte sich die LTU-Mannschaft samt zuständiger Gewerkschaften mit der Unternehmensspitze relativ rasch auf einen Sanierungstarifvertrag geeinigt, der die Personalkosten in den kommenden Jahren jeweils um gut 25 Millionen Euro senkt. Darin eingeschlossen ist, so LTU-Sprecher Marco Dadomo, ein rund 2,5 Millionen Euro schwerer Beitrag von Außertariflichen, Leitenden und Geschäftsleitungsmitgliedern, die freiwillig auf zehn Prozent ihrer fixen Grundbezüge verzichtet haben. Unklar, ob es dabei bleibt. Ein neuer Eigner könnte auf neue Ideen kommen.

Bei der Aktion des Computerherstellers Hewlett-Packard (HP) vom Sommer 2001 ging es weniger um die Rettung des Unternehmens als um die Schönung eines Quartalsberichtes. Die Konzernspitze verlangte von ihren damals weltweit 88 500 Mitarbeitern für die letzen drei Monate des Geschäftsjahres 2000/2001 einen freiwilligen Verzicht auf zehn Prozent ihrer Bezüge. Von den rund 6 000 Beschäftigten der deutschen Tochter, stimmten rund 70 Prozent zu, zumal der Eindruck entstanden war, dadurch seien betriebsbedingte Kündigungen vermeidbar. Um so größer die Überraschung, als HP wenig später einen Abbau von weltweit 6 000 Stellen bekannt gab, davon rund 300 in Deutschland.

Verzicht auf Stellenabbau ist selten inklusive

Mit Zustimmung der Belegschaft setzte die Münchner Wacker Chemie im vergangenen Jahr Personalkostenreduzierungen durch, um "zumindest für die nächste Zeit", wie es damals hieß, Entlassungen zu vermeiden. Der Welt zweitgrößter Hersteller von Siliziumscheiben für die Halbleiterindustrie spürte die Absatzkrise seiner Abnehmer. Anders als in den meisten anderen Branchen verfügt der Tarifvertrag in der Chemie über eine Öffnungsklausel, die zeitlich beschränkte Einkommensreduzierungen ermöglicht. Ende September einigten sich Unternehmensspitze und Mitarbeitervertreter: Sämtlichen Beschäftigten wurde das Jahresgehalt 2001 um 5,14 Prozent gekürzt. Dieser Satz kam zustande, weil die Tarifmitarbeiter offiziell auf 70 Prozent ihrer Jahressonderzahlungen wie Weihnachts- und Urlaubsgeld verzichteten. Dem Management werden die Bezüge noch mehrere Monate lang um zehn Prozent gekürzt, bis auch sie 5,14 Prozent erreicht haben. Insgesamt bescherte die Aktion Wacker Minderkosten in Höhe von 28 Millionen Mark.

Wie im Fall HP sicherte auch Wacker keinesfalls einen Verzicht auf Stellenabbau zu. Die Kürzung sollte, "kurzfristig Arbeitsplätze sichern und Know-how im Unternehmen halten", sagt Wacker-Sprecher Hans J. Klinger. Zwar habe er den Eindruck, dass die Halbleiterindustrie die Talsohle verlassen hat. Falls es aber doch noch zu einer Rezession kommen sollte, seien Kündigungen nicht auszuschließen, "schließlich können wir eine solche Aktion nicht beliebig wiederholen."

Die Kürzung des Fixgehalts tut Leitenden Angestellten meist richtig weh

Die Geister streiten sich, ob Gehaltskürzungen unter Einschluss des Managements der richtige Weg zur Überbrückung temporärer Unternehmenskrisen sind. Jan Kahmann, der auf Seiten der Gewerkschaft Verdi an den Gesprächen mit Lufthansa beteiligt war, betont das Verdi-Ziel, betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden. Und: Als der LH-Vorstand seinen Gehaltsverzicht ankündigte und sich die entsprechende Aktion des Managements abzeichnete, habe dies die Verhandlungsatmosphäre sehr positiv beeinflusst.

Ludger Ramme, Geschäftsführer der Union der Leitenden Angestellten, hat nichts gegen Kürzungen von Fixgehältern, so lange sie nicht seine Klientel betreffen. Laut Ramme machen die vom Unternehmenserfolg abhängigen Einkommensbestandteile der Leitenden inzwischen 30 bis 40 Prozent der Gesamtbezüge aus - diese Variablen fallen in schwierigen Zeiten ohnehin ganz oder teilweise unter den Tisch. Wenn ein Leitender dann auch noch auf Teile seines Fixeinkommens verzichten soll, geht das laut Ramme bei vielen "richtig an die Substanz". Ohnehin, sagt er, machten sich Außenstehende über die angeblich so hohen Einkommen solcher Mitarbeiter falsche Vorstellungen.

Entlassungen vermeiden zahlt sich in der Zeit nach der Krise aus

Rémi Redley, Gründer und Chef der Berliner Unternehmensberatung Goosens-Redley sowie Präsident des Bundesverbands Deutscher Unternehmensberater, sieht das wieder anders. Er sieht im Bemühen vieler Unternehmen, die Mitarbeiter bei wirtschaftlichen Problemen um Einkommensverzicht zu bitten, ein Zeichen für eine positiv veränderte Managementkultur. "Noch vor wenigen Jahren haben die meisten Unternehmen in solchen Fällen erst einmal Personal abgebaut", sagt er, "was oft zu Streiks und auch Unternehmerschelte geführt hat."

Viel besser sei es doch, qualifiziertes Personal möglichst zu halten - auch mit Hilfe von begrenztem Einkommensverzicht. Schließlich wollen doch alle nach dem Ende der Krise wieder "voll durchstarten". Soll auch das Management seinen Beitrag leisten? Grundsätzlich ja, sagt er. Je nach Gehaltsstruktur habe er auch nichts dagegen, wenn Leitende auch auf Teile ihrer Fixgehälter verzichten. Dies sei, sagt Redley, "oft schon aus Gründen der innerbetrieblichen Hygiene unvermeidlich."

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