Stenografie für Manager
Kurz notiert

Mit manchen Dingen sollte man nicht unnötig viel Zeit verlieren. Wenn Bernhard Jagoda als Leiter der Bundesanstalt für Arbeit an Podiumsdiskussionen teilnahm, machte er sich zwischendurch Notizen zu den Punkten, auf die er noch zu sprechen kommen wollte. Das Notieren geht schnell bei ihm, denn Jagoda schreibt Steno.

"Auch für Konzepte, Entwürfe und Ähnliches ist das ungemein praktisch", so der Arbeitsmarktprofi. "Das kann ich jedem nur empfehlen!" Derzeit ist Steno eher out. Die Kurzschrift gilt allgemein als altmodisch und verstaubt. Dabei ist sie das ideale Instrument in Geschäftsbesprechungen und für Vielnotierer. Doch im kommenden Jahr könnte die Schnellschrift ein Comeback erfahren.

"Viel zu aufwändig!" heisst es gewöhnlich noch, wenn es um das Erlernen von Stenografie geht. Doch das soll sich jetzt ändern. "Der Einsatz der Kurzschrift hat sich im Computerzeitalter keineswegs überholt", erklärt Karl Wilhelm Henke, Präsident des Deutschen Stenografenbundes. Zusammen mit einigen seiner Kollegen hat er eine Mischform entwickelt: Die "Neue Notizschrift". Es handelt sich dabei um eine vereinfachte Variante der herkömmlichen Kurzschrift. Sie ist näher an der Normalschrift orientiert und daher schneller und einfacher zu lernen. "Nach zehn Unterrichtstagen plus Übungsphasen kann man die Schrift bereits relativ sicher einsetzen", erklärt Henke.

Wenn die Entwicklung abgeschlossen ist, will Henke das neue Produkt an die entsprechenden Zielgruppen herantragen. Dies sind in erster Linie Ausbildungsstätten und ausgewählte Berufsgruppen wie beispielsweise Journalisten - aber auch Führungskräfte: "Auf jeden Fall auch Manager", betont Henke. Im Grunde all diejenigen, die eben nicht bei jeder Gelegenheit ein Diktiergerät mit sich herumtragen können und bei Telefoninterviews und Gesprächsrunden mit der Langschrift bisweilen ins Schleudern geraten. Der Steno-Experte setzt große Hoffnungen auf seine Erfindung: "Die neue Variante wird der Stenografie wieder neuen Aufschwung verleihen."

Steno braucht Imagewandel

Hierzu bedarf es jedoch zunächst eines Imagewandels, denn immer noch gilt die Kurzschrift in erster Linie als Sekretärinnenhandwerk. Wer heute die Kurzschrift erlernt, tut dies jedoch in den seltensten Fällen für die Diktataufnahme im Chefzimmer. Längst haben diverse Produkte der Audio- und Computertechnik diese Funktion übernommen. Der Anwendungsbereich der Kurzschrift ist nun ein anderer: Er umfasst das handschriftliche Notieren, Formulieren, Konzipieren und Protokollieren für den eigenen Gebrauch. "Für die eigene Entwicklung ist es sicher hilfreich", stimmt die Hamburger Karriereberaterin Sabine Breitbart zu.

"Höchst bedauerlich", findet Henke deshalb die Entwicklung, dass seit etwa zwanzig Jahren die Zahl der Stenoschreibenden immer weiter gesunken ist. Immerhin liegt die praktische Kürze des Steno ganz im Trend der Zeit. Doch bisher wurde eine Lernphase von acht Wochen bis zu einem halben Jahr angesetzt - vielen schien das zu mühsam. Henke hofft, dass die neue Kurzschrift, die sich in wenigen Wochen fast problemlos nebenher lernen lässt, für eine Steno-Renaissance sorgt.

Doch auch wer klassisches Steno lernen will, muss sich nicht mehr in den Kurs quälen: Längst haben sich auch Fernkurse bewährt, wie Dörte Buschhüter vom Institut für Lernsysteme (ILS) berichtet: "Die Teilnehmer können sich hier auf das eigene Tempo einstellen und ganz individuell lernen."

Einfaches Prinzip

Das Prinzip des Stenografierens ist ausgesprochen einfach: bestimmte Silben, die immer wieder vorkommen, werden durch Zeichen, Kürzel und Kürzungen ersetzt. Die Endung-ung beispielsweise ist nur ein Punkt nach unten. Kürzel gibt es unter anderem für in , und , die , der und für die Endungen-en , -er , es . Groß- und Kleinschreibung gibt es dabei nicht. Bereits nach kurzer Zeit erweist sich die Kurzschrift als doppelt so effektiv wie die Langschrift.

Das Stenografieren hat noch weitere Vorteile. Es trainiert zum Beispiel ein schnelles Reaktionsvermögen und fördert den Umgang mit Sprache. Beim Stenografieren wählt der Schreibende - anders als beim Einsatz von Aufnahmegeräten - bereits beim Zuhören aus den zur Verfügung stehenden Informationen die für ihn relevanten aus.

Die Inhalte des Gesagten muss er dafür zunächst gedanklich erfassen. Für die eigenen Notizen muss er sie nach Interesse und Aussagekraft auswählen; Wort für Wort mitschreiben - das schaffen doch nur Profis. So denkt der Schreibende automatisch aktiv mit. Einzelinformationen zu selektieren und kategorisieren ist eine perfekte Übung dafür, mit der unüberschaubaren Menge an Informationen umzugehen, mit der viele täglich konfrontiert werden.

Und wenn eine Sitzung oder ein Firmenmeeting auf englisch abgehalten wird? Muss dafür noch ein Zusatzkurs belegt werden? "Das Prinzip ist in den verschiedenen Sprachen immer dasselbe", erläutert Henke vom Stenografenbund. Unterschiede gibt es, da in den verschiedenen Sprachen nicht unbedingt die gleichen Worte und Silben in derselben Häufigkeit vorkommen "Das von uns verfasste Kürzungsverfahren ist auf die deutsche Sprache zugeschnitten. Varianten lassen sich aber relativ schnell erlernen."

Das Projekt "Neue Notizschrift" befindet sich derzeit noch in der Erprobungsphase. Offiziell soll sie 2003 auf den Markt kommen. Zeitgleich soll ein entsprechendes Lehrbuch erscheinen, das Henke gemeinsam mit seinem Kollegen Konrad Weber herausgibt.

Internet-Adressen

www.stenografenbund.de: Deutscher Stenografenbund, Postfach 11 39, 61236 Ober-Mörlen, Telefon 0 60 02 / 55 06, E-Mail: info@stenografenbund.de. Informationen über den Verband und den Entwicklungsstand der neuen Kurzschrift.

www.steno-berlin.de/Vereinssuche/vereinssuche.html: Suche nach Stenografenvereinen in verschiedenen deutschen Städten mit einer Auflistung der Kursprogramme.

www.ils.de: Zertifizierter Steno-Fernkurs mit einer Dauer von acht Monaten bei einem Aufwand von wöchentlich etwa zehn Stunden. Weitere Informationen unter ILS, Doberaner Weg 20, 20143 Hamburg, E-Mail: studienservice@ils.de.

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