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Sterben für den Boulevard

Nichts lieben die Briten so sehr wie einen Loser. Deshalb können die Briten es as Liebe und Neugier offenbar kaum abwarten, bis George Best endlich tot ist. Die Blumenberge vor dem Cromwell Krankenhaus wuchsen schon, als er immer noch im Krankenhaus am Sterben war.

Nichts lieben die Briten so sehr wie einen Loser. Deshalb können die
Briten es as Liebe und Neugier offenbar kaum abwarten, bis George Best
endlich tot ist. Die Blumenberge vor dem Cromwell Krankenhaus wuchsen
schon, als er immer noch im Krankenhaus am Sterben war. Seit zwei Tagen
stehen die TV Crews vor dem Cromwell Hospital in London. Fernsehreporter
geben halbstündlich den Krankenstand durch. Doch der ehemalige
Manchester United Star hat ein starkes Herz.

Professor Roger Williams gab seinen Starpatienten schon am
Donnerstag morgen auf ("Er kommt ans Ende des Weges seiner langen
Krankheit"), Da erschienen die Zeitungen schon einmal vorsorglich mit
langen Nachrufen, Extrabeilagen und großen Fotos auf den Titelseiten.

Verständlich, dass es die wie die Geier über dem Sterbenden kreisen.
Unter Journalistengesichtspunkt hatte Best ein wirklich rundes und
erfülltes Leben wie es nicht hätte besser laufen können. Noch heute
schwärmen die Fans von seinem Drippling, seiner Balance und seinem
Ballinstinkt. Sogar Pele zog vor ihm den Hut und nannte ihn den "größten
Fußballer der Welt". Dann begann der Niedergang des Nordiren, der nie in
der englischen Nationalmannschaft spielen durfte und die erste Fußball
Celebrity der Geschichte wurde. Mit den Dramen seines Verfalls hielt der
Frauenheld und Säufer sich und seinen Fußballruhm in Erinnerung. "1969
hab ich Frauen und Alkohol auf. Es waren die schlimmsten 20 Minuten
meines Lebens", sagte er stolz. Die Lebertransplantation 2002 machte aus
dem ganzen dann noch ein Krankenhausdrama. Besser hätte es für die
Klatschspalten nicht kommen können.

Kein Zweifel, dass die Briten diesen liebenswerten Absteiger
wirklich ins Herz schlossen. Aber heute ist es kalt vor dem Cromwell
Kankenhaus. Die Reporter der TV Kanäle werden sichtlich ungeduldig. Und
was schreiben die Zeitungen dann, wenn George Best wirklich tot ist?


Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
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