Steuer auf Kursgewinne sorgt bei Anlegern und Experten für Unsicherheit – Verfahren bei Fondsanteilen noch offen
Investoren fürchten große Belastungen

Auf der Suche nach neuen Einnahmequellen hat die Regierung in Rekordzeit die Investmentbranche gegen sich aufgebracht. Anleger sind verunsichert, auch Experten können nur über mögliche Folgen rätseln: Zu viele Fragen sind noch ungeklärt. Neue Ungerechtigkeiten zeichnen sich aber bereits ab.

ali/fer/mv/tmo/uhl DÜSSELDORF. Stefan Kienzle ist sauer: Der Augenarzt aus Herzberg hat für seine Söhne Aktienfondssparpläne für die Altersvorsorge eingerichtet. "Wenn die Erträge in dreißig Jahren voll versteuert werden müssen, könnten riesige Beträge zusammenkommen", fürchtet er. Doch weder sein Sparkassenberater noch sein Steuerberater wissen Rat. Denn noch gibt es keine Details zur Ausweitung der Besteuerung von Veräußerungsgewinnen. Bislang sind solche Gewinne nur steuerpflichtig, wenn sie innerhalb eines Jahres realisert wurden. Jetzt sollen alle realisierten Kursgewinne bei Wertpapieren steuerpflichtig werden.

Nach Angaben des Finanzminsiteriums ist noch unklar, ob auch Gewinne aus Fondsanteilsverkäufen steuerpflichtig werden. "Das ist aber zu erwarten, denn ansonsten kaufen Anleger einfach einen Aktienfonds, um die Besteuerung von Aktienkursgewinnen zu umgehen", erklärt ein Steuerexperte einer Bank. "Es ist nicht auszuschließen, dass die Spekulationssteuer auch auf Fondsebene eingeführt wird" sagt Rüdiger Päsler, Geschäftsführer des Fondsverbandes BVI.

Kommt es so, wären fondsgebundene Lebensversicherungen die Gewinner. Hierbei kauft der Anleger einen Risikoschutz für den Todesfall, der Sparanteil der Prämie fließt in einen Fonds, zum Beispiel einen Aktienfonds. Erträge aus diesen Policen sind wie bei allen kapitalbildenen Lebenpolicen steuerfrei, wenn u.a. der Anleger mindestens fünf Jahre Beiträge gezahlt hat und der Vertrag zwölf Jahre läuft. "Die Pläne werden die Nachfrage nach fondsgebundenen Lebensversicherungen beleben", sagt Carsten Zielke, Analyst der WestLB. Doch diese mögliche steuerliche Ungleichbehandlung von direkt gehaltenen Fonds und Fonds in Lebenpolicen sorgt bei Experten für Stirnrunzeln. "Da sehe ich verfassungsrechtliche Probleme", sagt ein Steuerexperte.

Nach Angaben des Arbeitsministeriums hat die neue Regelung möglicherweise auch Konsequenzen für die Riester-Rente. Denn zu den gefördeten Produkten zählen auch Investmentfonds. Bislang sah die Regelung so aus, dass die Erträge aus den Fonds im Alter, also nachgelagert, besteuert werden. Allerdings steht der gesamte Komplex "Besteuerung der Alterseinkünfte" sowieso auf den Prüfstand, eine Expertengruppe arbeitet bereits hier daran. Anfang 2003 sollen Ergebnisse vorliegen.

Die geplante Ausdehnung der Steuerpflicht sorgt zudem für praktische Schwierigkeiten: Welcher Kaufkurs soll zur Ermittlung des zu besteuernden Gewinnes gewählt werden? Ein Beispiel: Ein Anleger hält seit 30 Jahren Siemens-Aktien. Er weiß aber nicht mehr, zu welchen Preis er die Papiere damals erworben hat - Privatinvestoren sind nicht verpflichet, solche Unterlagen aufzubewahren. Und Banken müssen solche Dokumente nur zehn Jahre lang verwahren.

Steuerexperten können sich als Ausweg eine Stichtagslösung vorstellen: Der Fiskus nimmt fiktiv an, dass alle Aktien zum 31.12.2002 ver- und wieder gekauft werden. Alle realisierten Kursgewinne ab diesem Datum wären dann steuerpflichtig.

Fragen gibt es auch bei der Besteuerung von Anleihen. Denn bislang kaufen steuersensible Anleger gerne Anleihen, die mit einem Abschlag (Disagio) emittiert und zum vollen Nennwert zurückgenommen werden. Ein Beispiel: Ein Investor kauft Papiere zu 98 Prozent vom Nennwert mit Laufzeit zwei Jahre. Nach zwei Jahren bekommt er den vollen Nennwert ausbezahlt; der Kursgewinn verblieb bislang steuerfrei. Auch das könnte sich ändern.

Spannend ist nach Ansicht von Steuerexperten zudem, ob die Bundesregierung damit durchkommt, dass Anleger ihre Verluste aus Wertpapieranlagen nur mit Einkünften aus Kapitalerträgen verrechnen dürfen. "Diese Begrenzung der Verlustverrechnung mit anderen Einkommensarten war nur so lange zulässig, solange die Besteuerung der Kursgewinne ebenfalls beschränkt war", sagt ein Bankexperte.

Quelle: Handelsblatt

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