Steuern auf Einkünfte von Ausländern?
London bangt um seinen guten Ruf

Der britische Schatzkanzler Gordon Brown will Steuer-Ausländer stärker zur Kasse bitten. Beobachter warnen: Der Finanzplatz würde für gut verdienende Banker deutlich unattraktiver.

LONDON. Der britische Schatzkanzler Gordon Brown sorgt mit einem Strategiepapier für Aufregung im Londoner Bankenviertel. In dem kürzlich veröffentlichten Text stellt Brown Steuererleichterungen in Frage, die bisher die in Großbritannien arbeitenden Ausländer begünstigen. Von den Änderungen wären bis zu 70 000 Menschen betroffen, die zukünftig auf der Insel mehr Steuern zahlen müssten als heute. Die Neuerungen könnten Londons Ruf als internationales Finanzzentrum beschädigen, fürchten Beobachter. "Es besteht die Gefahr, dass Führungskräfte dann nicht mehr in London arbeiten wollen", sagte Jane Wagstaff von KPMG dem Handelsblatt. Schlechter gestellt würden vor allem hoch qualifizierte Investmentbanker sowie leitende Angestellte von Versicherungen.

Bisher kommen Ausländer auf der Insel in den Genuss einer Ausnahmeregelung. Sie können einen Sonderstatus erhalten, bei dem sie zwar als Einwohner, nicht aber als in Großbritannien beheimatet gelten. Dazu müssen sie lediglich glaubhaft machen, dass sie nicht dauerhaft in England arbeiten. Steuern zahlen sie dann nur auf das in Großbritannien erzielte Einkommen. Weitere Einkommensarten aus dem Ausland bleiben dagegen steuerfrei. Für international tätige Banker ein Glücksfall: Sie erhalten oft große Teile ihres Gehaltes im Ausland und brauchen in Großbritannien dafür keine Steuern zu zahlen.

Doch diese Regel stellt Schatzkanzler Brown nun auf den Prüfstand. Schon in seiner Haushaltsrede Anfang April hatte er angekündigt, "das Steuersystem modernisieren und vereinfachen" zu wollen. Brown will offenbar britische Gesetze an international verbreitete Standards anpassen. Die meisten europäischen Staaten besteuern das gesamte Welteinkommen ihrer Einwohner, egal ob es sich um eigene Staatsbürger oder um Ausländer handelt. Die Heimatländer stellen dagegen ihre im Ausland lebenden Staatsangehörigen in der Regel steuerfrei, so dass Steuern nur im Wohnsitzland fällig werden.

Vertreter der Corporation of London, der Verwaltung des Bankenviertels, warnten die Regierung vor einem Schnellschuss, der die Konkurrenzfähigkeit des Standortes schwächen könnte. "Wir sollten uns keinen Illusionen hingeben: Jede neue Steuerlast für Ausländer würde dem Finanzplatz London einen schweren Schaden zufügen", sagte Corporation-Sprecher Michael Snyder. Ausländische Finanzzentren wie Frankfurt würden für viele Banker attraktiver werden, sollten die Pläne durchgehen. "Für die britische Wirtschaft wäre das ein harter Schlag."

Nach Zahlen der Regierung arbeiten in Großbritannien rund 100 000 Ausländer, die lediglich mit ihrem Inlandseinkommen steuerpflichtig sind, die meisten in der Banken- und Versicherungsbranche. Rund 70 % dieser Menschen verfügen über weitere Einkünfte aus dem Ausland, schätzt KPMG-Beraterin Wagstaff. "Gerade die Spitzenverdiener haben oft sehr ansehnliche Auslandseinkünfte, die heute oftmals völlig steuerfrei sind."

Zu einer Massenabwanderung aus Londons Finanzviertel werde die neue Steuerpflicht zwar nicht führen, sagte Wagstaff. Der Standort habe im internationalen Vergleich viele weitere Vorteile, etwa ausgezeichnete Karrieremöglichkeiten sowie einen relativ niedrigen Spitzensteuersatz von 40 %. "Dennoch wird schon die Diskussion über die neue Steuer Schaden anrichten." Im Zweifel werden die Betroffenen aber wohl andere Schlupflöcher nutzen und sich zum Beispiel eine große Zeit des Jahres nicht in London aufhalten. Wer als Ausländer hier arbeitet, ist nur für die Tage steuerpflichtig, an denen er sich im Land aufhält. An Deutschlands Finanzplatz Frankfurt wird die Diskussion mit Spannung verfolgt. Hier lief die Debatte in den vergangenen Monaten umgekehrt. Mehrfach flammte die Forderung auf, Ausländern ähnliche Steuererleichterungen wie in Großbritannien einzuräumen. So sollte Frankfurt im Vergleich zu London konkurrenzfähiger werden. Wirtschaftswissenschaftler Michael Hoyler von der Universität Heidelberg hat die Konkurrenz der beiden Städte untersucht und macht Frankfurt keine Hoffnung. Die Funktionen der beiden Städte seien zu verschieden. "London ist das Zentrum der internationalen Finanzmärkte, Frankfurt nur das Tor zum deutschen Markt."

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