Steuerrückzahlung soll Verbraucher in Kauflaune halten
Wachstumsschwäche in USA verschärft sich

Ein Kollaps der Investitionen und eine wachsende Zurückhaltung der Verbraucher haben das Wirtschaftswachstum in den USA fast zum Erliegen gebracht. Eine Besserung der Lage ist vorerst nicht in Sicht.

NEW YORK. Die gute Botschaft kam aus Moskau und klang wie das Pfeifen im Walde: "Die US-Wirtschaft hat sich entsprechend unserer Erwartungen entwickelt und wir rechnen weiterhin mit einem besseren Ergebnis im 4. Quartal." So kommentierte der in Russland weilende US-Finanzminister Paul O?Neill das schwächste Wirtschaftswachstum in den USA seit acht Jahren.

Zuvor hatte das Handelsministerium das Wachstum des Bruttoinlandsproduktes im 2. Quartal auf nur noch 0,7 % geschätzt. Schlimmer war es zuletzt nur Anfang 1993, als die größte Volkswirtschaft der Erde mit einer Jahresrate von 0,1 % schrumpfte. Das Bruttoinlandsprodukt ist der umfassendste Begriff für die in einer Wirtschaft erstellten Güter und Dienstleistungen.

Weitere Zinssenkung wird wahrscheinlicher

Die wirtschaftliche Abschwächung versetzt den Hoffnungen auf einen baldigen Wiederaufschwung in den USA einen Dämpfer. Offenbar ist der Konjunktureinbruch stärker als bisher angenommen. Die düsteren Ausblicke vieler US-Unternehmen in der vergangenen Woche deuten darauf hin, dass mit einer Besserung vorerst nicht zu rechnen ist. Zudem ist eine weitere Zinssenkung durch die amerikanische Notenbank Fed wahrscheinlicher geworden. Die Fed hat die Leitzinsen seit Jahresbeginn bereits um 275 Basispunkte auf 3,75 % gesenkt.

"Es war ein schmerzhaftes Quartal. Zumindest wächst die Wirtschaft noch", sagte Bill Cheney, Chefökonom des Finanzdienstleisters John Hancock, dem Wall Street Journal. Ob es dabei bleibt, ist unsicher. Aus dem leichten Plus kann nach Auswertung aller Daten durchaus noch ein Minus werden. So korrigierte das Handelsministerium die Wachstumsrate aus dem vergangenen Jahr von 5 % auf 4,1 % nach unten. Die Jahresrate im 1. Quartal 2001 wurde allerdings leicht von 1,2 % auf 1,3 % herauf gesetzt.

Deutlicher Einbruch der Investitionen

Besonders deutlich wird der Einbruch der US-Wirtschaft bei den Investitionen der Unternehmen. Sie gingen im 2. Quartal um 13,6 % zurück, die Ausgaben für Software und Computer brachen gar um 14,5 % ein. Die Aufträge für Telekommunikationsausrüstungen sind nach Berechnungen der Investmentbank Merrill Lynch um 74 % gesunken. "Wir erleben einen wahren Investitionskollaps, der die Wirtschaft umbringt", sagte Avery Shenfeld, Ökonom bei CIBC Markets, der Nachrichtenagentur Bloomberg. Welche Spuren das bei den Unternehmen hinterlässt, zeigen die Meldungen über Milliardenverluste und Massenentlassungen der Telekomzulieferer Nortel, Lucent und JDS Uniphase. Der Lagerabbau bei den US-Unternehmen hat sich mit 26,9 Mrd. $ im 2. Quartal etwas verlangsamt.

Weniger starke, aber doch sichtliche Spuren hat der Abschwung auch bei den Verbrauchern hinterlassen. Ihre Konsumausgaben stiegen nur noch um 2,1 % nach 3 % im Vorquartal. Der private Konsum generiert etwa zwei Drittel des Bruttoinlandsproduktes und gilt deshalb als wichtigster Pfeiler der US-Wirtschaft. Gestützt wird der private Konsum durch einen nach wie vor starken Immobilienmarkt. Die Hausverkäufe sind im Juni um 1,7 % gestiegen, was einer Jahresrate von 922 000 Stück entspricht. Die Stimmung der Verbraucher hat sich im Juli jedoch weiter verschlechtert. Der Vertrauensindex der Universität Michigan sank leicht von 92,6 auf 92,4 Punkte.

Die Konsumenten sind freilich die einzige Hoffnung der Ökonomen. Beflügelt durch die nun anlaufende Steuerrückzahlung von insgesamt 38 Mrd. $ sollen die Verbraucher der US-Wirtschaft über die aktuelle Schwächephase hinweg helfen. Bruce Steinberg, Chefökonom bei Merrill Lynch, vertraut darauf und erwartet in der zweiten Jahreshälfte wieder höhere Wachstumsraten von bis zu 3,5 %.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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