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Stichwort Zuverlässigkeit: Rückbesinnung auf alte Tugenden steht uns gut an

Mit dem wachsenden Mangel an Führungskräften in den unterschiedlichsten Branchen erleben wir in zunehmendem Maße ein verändertes Verhalten von Kandidaten, aber auch gelegentlich von Klienten: Termine werden wie Vorschläge behandelt, Briefe erst nach Wochen beantwortet. Doch nicht nur Berater sind Opfer dieser neuen Umgangsformen. Immer öfter ist auch von mangelnder Zuverlässigkeit zwischen Geschäftspartnern die Rede. Dabei ist Zuverlässigkeit eine der Grundfesten im täglichen Umgang miteinander.

Noch vor nicht allzu langer Zeit haben potenzielle Kandidaten vereinbarte und bestätigte Termine mit dem Personalberater oder einem möglichen neuen Arbeitgeber eingehalten; nur in Ausnahmefällen und aus gewichtigem Grund wurden sie kurzfristig abgesagt oder verschoben. Es wurden Entschuldigungen vorgebracht, die überzeugend klangen. Was als Gesprächsbasis blieb, darauf konnte später leicht ein erneuter Kontakt aufgebaut werden.

Heute gewinnt man den Eindruck, dass viele Menschen Höflichkeit und Zuverlässigkeit als antiquierte Verhaltensform ansehen. Warum sonst erleben Manager wie Berater immer wieder, dass mündlich gegebene Zusagen, ein neues Vertragsverhältnis einzugehen, im letzten Moment revidiert werden. Und das mit einem Schulterzucken. Bewerber und Kandidaten sind nicht einmal bemüht, ihre Meinungsänderung zu erläutern. Wozu auch? Der Markt macht's möglich. Und jeder ist sich selbst der Nächste.

Tatsächlich gibt es mehr und mehr Positionen und Branchen, in denen gut qualifizierte Fachleute händeringend gesucht werden. Das erleichtert vordergründig egoistisches und unhöfliches Verhalten. Längst ist es in der IT- und in vergleichbar attraktiven Branchen üblich geworden, dass Kandidaten pokern: Mit einem interessanten und vor allen Dingen auch lukrativen Angebot in der Tasche reizt der eine oder andere auch neue Chancen im eigenen Unternehmen aus. Mit Erfolg - wie sich häufig am Ergebnis der Verhandlungen zeigt, wo ein Gehalt kräftig erhöht oder gar der Sprung auf die nächste Ebene festgeschrieben wird. Doch Erfolg und Gewohnheit stehen auf der einen Seite, Moral auf der anderen. Ich finde dieses Pokern mit dem neuen Arbeitsvertrag als Drohinstrument schlicht unmoralisch. Und ich kann nur jedem Arbeitgeber raten, den pokernden Mitarbeiter ziehen zu lassen.

Dabei scheint es vielen potenziellen Kandidaten nicht einmal bewusst zu sein, welche Lawine sie ins Rollen bringen können, wenn sie über einen längeren Zeitraum vermeintlich positive Verhandlungen geführt, die Ernsthaftigkeit des persönlichen Interesses immer wieder betont und bei der Gegenpartei den Eindruck erweckt haben, dass eine Unterschrift nur noch reine Formsache ist. Die lange geplante, aber für das Unternehmen überraschend erfolgende Absage wird im Gegenteil oft nur als lästige Pflicht empfunden; schließlich ist man(n) nach dem Buchstaben des Gesetzes noch keine Verpflichtung eingegangen. Kosten und Zeit, die das Unternehmen erneut investieren muss, interessieren den Kandidaten nicht. Der persönliche Vorteil ist ausschlaggebend.

Pokern ist nicht die richtige Art, langfristig seine Karriere zu gestalten

Doch Vorsicht - auch wenn der Markt einiges möglich macht und solch ein Verhalten im Moment vermeintlich toleriert. Dies ist nicht die richtige Art, langfristig seine berufliche Karriere zu gestalten. Immerhin trifft man so manchen Manager auf dem Weg nach oben wieder - und, darüber muss sich jeder im Klaren sein, Unzuverlässigkeit und die Neigung zum Pokern sprechen sich herum.

Unter Zuverlässigkeit verstehen wir auch heute noch Glaubwürdigkeit, Verantwortungsbewusstsein, Redlichkeit, Korrektheit, Ehrlichkeit. Wenn wir selbst eine bestimmte Erwartungshaltung an unser berufliches Umfeld haben und diese vor allen Dingen auch auf andere übertragen, müssen wir durch eigene Handlungsweisen deutlich machen, dass Zusagen bindend sind, dass man sich auf ein gegebenes Wort nach alter Kaufmannssitte verlassen kann. Sonst entsteht leicht der Eindruck, dass alles korrigierbar, alles beliebig ist - im Positiven wie im Negativen Sinne. Gerade wie es in einer aktuellen Situation passt. Wie aber sollte sich unter solchen Voraussetzungen eine Zusammenarbeit und ein positives Miteinander im Sinne der Gemeinschaft gestalten? Die Antwort liegt auf der Hand: unbefriedigend! Denn Zuverlässigkeit ist keine Einbahnstraße. Sie gilt für alle Beteiligten und spiegelt sich auch in Motivation, Überzeugungskraft, Leistungswille und-bereitschaft wider. Sich aufeinander verlassen zu können, hat nichts mit anbiedernder Anpassung gemein. Es ist eine Form des Verhaltens, die jedem Menschen mit Verantwortungsgefühl eigen sein sollte.

Ich bin sicher, dass trotz veränderter Umstände am herrschenden Arbeitsmarkt uns allen eine Rückbesinnung auf alte Tugenden gut ansteht. Der verantwortungsvolle Umgang miteinander, die eigene Arbeit und die Dritter deutlich ins Bewusstsein zu rufen und vor allem schätzen zu lernen, sollte wieder selbstverständlich werden. Dann wird auch Zuverlässigkeit künftig nicht mehr in die Kategorie Fremdwort einzuordnen sein.

Die Autorin
ist Partnerin der Personalberatung Dietz, Fraser & Partner International, Frankfurt

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