Stiftung Warentest untersucht Preissystem
Bahn-Kunden müssen oft draufzahlen

Die Deutsche Bahn hat mit ihrem neuen Preissystem nach einer Untersuchung der Stiftung Warentest zu viel versprochen. Entgegen der Bahn-Werbung, wonach viele Kunden künftig billiger reisen würden, müssten Reisende oft draufzahlen.

HB/dpa BERLIN. Auch seien Familien mit Kindern längst nicht immer die großen Gewinner der Preisreform, erklärte die Stiftung Warentest am Donnerstag in Berlin. Leider blühe auch der Tarifdschungel weiter, kritisierten die Verbraucherschützer, die mehr als 1600 der günstigsten alten und neuen Bahn-Tarife verglichen haben und von einem "ernüchternden Ergebnis" sprechen.

Bahnchef Hartmut Mehdorn wies die Kritik scharf zurück. Er warf den Verbraucherschützern vor, bewusst nur Einzelbeispiele ausgewählt zu haben, "um ein verzerrtes Bild zu zeichnen". Er bleibe dabei, dass Bahnfahren für Millionen Menschen billiger werde und nicht nur für wenige Schnäppchenjäger. Es sei "natürlich einfach, mit ein paar Hundert Verbindungen von insgesamt über 22 Millionen möglichen Relationen ein negatives Ergebnis herbeizutesten." Besonders peinlich werde es, wenn Dinge vermengt werden, die mit dem neuen System nichts zu tun haben, "nur um zu möglichst schlechten Ergebnissen zu kommen".

Die Mängelliste der Stiftung Warentest ist lang: Preistreiberei bei Interregio-Zügen, familienunfreundliche Preisvarianten, ein gekappter Bahncard-Rabatt, zu starke Reglementierungen für Rabatt- und Sparangebote sowie hohe Stornogebühren. Diese Punkte trübten das Bild erheblich, erklärte Hubertus Primus von der Stiftung Warentest.

Die Deutsche Bahn will mit dem ab 15. Dezember geltenden neuen Tarifsystem Frühbucher mit Preisnachlässen zwischen zehn und 40 Prozent belohnen. Der Haken: Die Frühbucher-Rabatte werden nur gewährt, solange die Kontingente in den Zügen reichen. Rabatte werden auch für Kinder sowie Familien- und Gruppenfahrten gewährt. Mit der neuen, verbilligten Bahncard ist zudem ein Rabatt von 25 Prozent auf alle Preisnachlässe möglich. Unabhängig davon werden die Normalpreise auf langen Strecken ab 180 Kilometern nach Bahnangaben um bis zu 25 Prozent pro Fahrt billiger.

Die "größte Überraschung" für die Warentester war, dass Familien entgegen der Bahnwerbung nicht die großen Gewinner der Tarifreform seien. So würden Familien mit älteren Kindern und Alleinreisende mit Kleinkind oft teurer als zuvor fahren. Häufig draufzahlen müsse auch die große Gruppe alleinreisender Erwachsener. Hier steigen laut Warentest etwa im Regionalverkehr viele Preise um rund 50 Prozent, weil sich der Bahncard-Rabatt von vorher 50 auf dann 25 Prozent halbiere. Viele Reisen würden auch deshalb teurer, weil die Bahn zahlreichen Interregio-Zügen einen neuen Anstrich verpasst und sie künftig zum oft höheren Preis als Intercities verkehren lasse.

Auch der Tarifdschungel werde zu wenig gelichtet. "Versprochen waren mal drei Preise für eine Fahrt von A nach B: für ICE, IC /EC und Regionalzüge", sagte Primus. Frage man aber den Bahncomputer zum Beispiel nach Fernverkehrsverbindungen zwischen Hamburg und Erfurt, spucke dieser zwischen 54 Euro und 80,80 Euro zehn verschiedene Preise aus. Nach Meinung von Warentest stellt die die Bahn im Prinzip die Weichen richtig, wenn künftig Mitfahrer-, Bahncard und Sonderrabatte kombiniert werden können. Um diese "guten Ansätze zu retten", müsse aber nachgebessert werden, fordert Primus.

So sollten Sparangebote auch kurz vor Reiseantritt verkauft und ohnehin anstrengende Langstreckenreisen im Vergleich zu Billigfliegern preiswerter werden. Auch könnte die alte Bahncard mit Rabatten von 50 Prozent nur auf den Grundpreis über 2003 hinaus weitergeführt und Kinder bis 17 gratis mitgenommen werden.

Die Bahn lehnte Änderungen ab und verwies darauf, dass die Abschaffung des Interregios bereits lange vor Einführung des neuen Preissystems beschlossen worden sei und sukzessive umgesetzt werde. Mehdorn nannte es "schon erstaunlich, wenn eine Institution, die auch vom Steuerzahler finanziert wird, von einem Wirtschaftsunternehmen verlangt, Kinder bis 17 Jahre umsonst fahren zu lassen". Bezeichnend sei es auch, dass die Stiftung Preissenkungen bis zu 20 Prozent angesichts der "Teuro"-Diskussion lediglich als "etwas billiger" einstufe. Mehdorn: "Das zeigt mir nur, dass diese Stiftung offensichtlich in einer völlig wirklichkeitsfremden Welt lebt."

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