Stigma des Unseriösen muss verschwinden
Kommentar: Schnelle Hilfe für den Neuen Markt

Spätestens wenn der Patient auf der Intensivstation liegt, sollten die Schuldzuweisungen erst einmal verstummen. Der Neue Markt kämpft zwar nicht um sein Überleben als Institution, wohl aber gegen das Abdriften ins Koma.

HB DÜSSELDORF. Auf breiter Front stürzen die Kurse, die Handelsvolumina sinken dramatisch und das Geschäft mit Börsengängen ist praktisch zum Erliegen gekommen. Kurzfristig lassen sich die Krankheiten, die zu diesen Symptomen geführt haben, zwar nicht kurieren; dennoch drängt die Zeit. Jetzt müssen die Signale gesetzt werden, um dem Börsensegment das Stigma des Unseriösen zu nehmen.

Nicht Altruismus, sondern allein Geschäftssinn müsste die Energie für eine Therapie des Marktes freisetzen. Denn an einem gesunden Neuen Markt verdienen viele: Emissionshäuser und die Deutsche Börse AG, Kommunikationsberater ebenso wie Unternehmen und im Normalfall auch der Anleger. Letzterer hat schließlich die Möglichkeit, Unternehmen, die gegen die Regeln des Wirtschaftens oder gar des Gesetzes verstoßen, durch den Verkauf der Papiere abzustrafen. Das führt kurzfristig zu schmerzhaften Verlusten, langfristig dient es aber zur Disziplinierung von Management und Beratern.

Denn diese haben in vielen Unternehmen die Zeichen der Zeit noch immer nicht erkannt, üben sich weiter in Bilanzkosmetik, reden Zahlen schön und bombardieren Analysten wie Anleger mit unsinnigen Meldungen. Statt offener und ehrlicher Kommunikation wird bis kurz vor der Gewinnwarnung abgewiegelt und vertuscht. Dass der Vertrauensverlust bei den Anlegern auch die seriösen Unternehmen mit in den Abwärtssog zieht, macht dieses Verhalten noch unmoralischer.

Neben der moralischen Dimension hat dies auch handfeste wirtschaftliche Konsequenzen. Wenn seriösen Technologiefirmen durch die Misere am Neuen Markt die Finanzierungsmöglichkeiten genommen werden, hat der Standort ein strukturelles Problem.

Spätestens hier kommen die Banken ins Spiel: Sie dürfen nicht mehr wie in der Vergangenheit mit Blick auf das schnelle Geld das Finanzierungsrisiko von Startup-Firmen auf die Anleger abwälzen. Sie haben am Boom gut verdient, doch die Freude darüber dürfte ebenso schnell verebbt sein wie der Boom selbst. Die zwingende Konsequenz aus dieser Erfahrung muss sein, bei Börsengängen schärfste Auslesekriterien anzusetzen und notfalls ein Unternehmen bis zum Erreichen der Gewinnschwelle selbst zu finanzieren. Denn die Auswahl der Börsenkandidaten ist in erster Linie Aufgabe der Emissionshäuser, nicht die der Börse. Sie liefert lediglich den Rahmen.

Doch auch dieser ist bei weitem noch nicht perfekt. Die Zwangsverbannung von Unternehmen im Pennystock-Bereich mit einer verschwindend kleinen Marktkapitalisierung, niedrigem Streubesitz und geringen Börsenumsätzen ist ebenso zwingend für die Markthygiene wie die wirklich harte Bestrafung von Verstößen gegen das aktuelle Regelwerk. Die Richtung, in die sich die Börse mit den letzten Regeländerungen bewegt hat, stimmt, doch der Weg ist noch lang.

Begleitet werden muss sie auf dieser Strecke auch ein Stück vom Gesetzgeber. Nicht staatlichem Dirigismus und dem Schutz des Anlegers vor allen erdenklichen Risiken soll dabei das Wort geredet werden, wohl aber dem Zwang der Firmen zur Transparenz. Wer Investoren unzureichend oder sogar bewusst falsch informiert, darf damit nicht durchkommen. Das setzt zum einen strengere Regeln, zum anderen eine konsequentere Kontrolle voraus. Die Signale müssen bald gesendet werden, denn liegt der Neue Markt einmal im Koma, ist es zu spät.

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