Stille Reserven drastisch reduziert
Renditen der Lebensversicherer sacken ab

In diesem Jahr müssen sich Inhaber von Lebensversicherungspolicen auf eine weitere Absenkung ihrer Überschussbeteiligung einstellen. Doch damit nicht genug: Angesichts der Dauerkrise an den Kapitalmärkten fürchten Insider Schieflagen bei angeschlagenen Anbietern. Krisenszenarien werden bereits diskutiert.

HB DÜSSELDORF. Die Renditen der Lebensversicherer in Deutschland bleiben unter Druck. Nachdem bereits für 2002 nahezu alle Versicherer die Überschussbeteiligung der Lebenspolicen um 0,8 bis zwei Prozentpunkte kappten, steht vielerorts für 2003 eine zweite Absenkungsrunde ins Haus. So wollen die Hanse Merkur und die Provinzial Kiel ihren Versicherten im kommenden Jahr nur noch fünf Prozent gutschreiben.

Diesem Beispiel werden weitere Gesellschaften folgen müssen, ist Versicherungsanalyst Michael Huttner von JP Morgan überzeugt: "Die Lebensversicherer werden die Gewinnbeteiligungen wohl in nächster Zeit um einen halben bis einen Prozentpunkt zurücknehmen." Ein Rating-Analyst setzt noch eins drauf: "Die Überschussbeteiligungen waren zu lange zu hoch, ich sehe deutlichen Absenkungsbedarf."

Die nächste Absenkungsrunde will aber Branchenprimus Allianz Leben nicht mitmachen - bis jetzt jedenfalls: "Wir haben fest vor, die Überschussbeteiligung für 2003 stabil zu halten", sagte ein Allianz-Sprecher. Möglich sei dies wegen der hohen Bewertungsreserven (Differenz zwischen Ankaufkursen von Wertpapieren zum Marktwert) der Stuttgarter.

"Spreu trennt sich vom Weizen"

Anders sieht es bei den meisten deutschen Lebensversicherern aus. Sie haben laut WestLB Panmure vier Fünftel ihrer stillen Reserven aufgebraucht, die sie seit 1995 hatten. Dies mussten sie tun, um trotz der Anlageverluste die Zusagen an die Versicherten einhalten zu können. "Die Spreu trennt sich vom Weizen," heißt es in der Assekuranz. Sollte sich die Lage an den Kapitalmärkten nicht deutlich verbessern, könnte dies bei den Problemfällen der Branche eine Schieflage auslösen, wird befürchtet. Doch anders als andere Branchen frohlocken die Versicherer keinesfalls bei der Aussicht, dass unliebsame Konkurrenten aus dem Markt verschwinden könnten. Der Grund: "Das Image des Produktes Lebensversicherung ist stark an das Branchenschicksal gekoppelt", heißt es in der Branche, "die weiße Weste wollen wir sauber halten."

Doch das Image ist gefährdet. Sollte die schlechte Kapitalmarktentwicklung anhalten, "sei es nicht ausgeschlossen, dass es Schwierigkeiten bei einigen Versicherern in diesem Jahr geben könnte," sagte ein Sprecher des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV).

Kein rein deutsches Problem

Mit ihren Problemen steht die deutsche Branche nicht allein. In der Schweiz wurde deshalb der Garantiezins für betriebliche Vorsorgeverträge der Assekuranz jüngst von vier auf drei Prozent abgesenkt. In Deutschland beträgt die zu garantierende Mindestverzinsung noch 3,25 %. Nach Angaben des zuständigen Bundesfinanzministeriums gibt es "derzeit keinerlei Überlegungen, hier aktiv zu werden."

Doch der Handlungsdruck steigt: 2001 erzielten die Versicherer nach Angaben von Günter Schlatter, Chef der rheinischen Provinzial, im Schnitt eine negative Gesamtperformance (Nettoverzinsung unter Einbeziehung veränderter Bewertungsreserven) von 0,4 Prozent. Der GDV warnt: "Die Versicherer können nicht ewig von ihren Polstern leben." Und alleine seit Januar hat der Dax nochmals ein Fünftel an Wert verloren. In der Branche ist daher bereits eine Diskussion entflammt, wie die Unternehmen im Ernstfall mit angeschlagenen Lebensversicherern verfahren sollen.

Die Aufsicht zeigt sich zugeknöpft: "Wir beobachten die Lage sehr aufmerksam", sagte ein Sprecher der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BAFin). Welche Schritte die Aufsicht konkret eingeleitet hat, ließ er offen. Auch der GDV erklärt nur: "Wir führen regelmäßig Gespräche mit der Aufsicht über Konsequenzen aus der Börsenentwicklung für die Versicherer."

Krisenszenarien

Wie könnte ein Krisenszenario aussehen? Die Aufsicht verfügt über Instrumente. Vom Tisch scheint aber die Einrichtung eines Konkurssicherungsfonds zu sein, wie es ihn bei den Banken gibt. "Einen solchen Feuerwehrfonds brauchen wir nicht", betont der GDV-Sprecher und bingt die Kritik vieler reservestarker Anbieter auf den Punkt: "Dann müssen die großen Versicherer für die Gesellschaften bezahlen, die an den Börsen hohe Risiken eingegangen seien."

Als Alternative böte sich die Fusion von Versicherern an, oder die Verteilung der Versichertenbestände auf Konkurrenten, heißt es beim GDV. Zwar sträuben sich die gesunden Versicherer Vertragsbestände von maroden Unternehmen zu übernehmen. Je nach Entwicklung könnten die großen Player wie Allianz, Ergo oder AMB aber zum Handeln gezwungen werden, heißt es. Diskutiert wird ferner die Einrichtung eines Konsortiums wie der Pensionssicherungsverein. Dies hatte die Versicherungsaufsicht bereits einmal gefordert.

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