Stimmung in den USA
„Man darf nicht paranoid werden“

Die Menschen in den USA sind nur auf den ersten Blick zum Alltag zurückgekehrt. Die Demütigung der Supermacht wird zwanghaft verdrängt. Hinter Amerikas Normalität verstecken sich Angst und Nervosität.

HB WASHINGTON. Karen Davis nutzt die Gunst der Stunde. Kurz entschlossen kauft sich die 38-Jährige ein Billig-Flugticket von Los Angeles nach Las Vegas: "Ich habe keine Angst vorm Fliegen." Die 65-jährige Merle Blankenship steigt in Chicago in eine Maschine, um ihrem Bruder in Oakland zum Geburtstag zu gratulieren. "Man darf nicht paranoid werden", sagt sie. "Wenn etwas passieren soll, passiert es."

Zwei Beispiele, die nach den Anschlägen vom 11. September auf eine Rückkehr zur Normalität hinzudeuten scheinen. Die Amerikaner reisen wieder, sie konsumieren und gehen zu Baseball-Spielen. Doch das Bild ist trügerisch - hinter scheinbar harmlosen Gewohnheiten stecken oft Nervosität und Unsicherheit. Religion, Patriotismus und Familie haben Hochkonjunktur.

32,7 Mill. Amerikaner gingen am vergangenen Montag, dem US-Feiertag Labor Day, auf Reisen - im Vorjahr waren es mit 33 Mill. nur wenig mehr. Auch die Einkaufszentren melden Hochbetrieb wie eh und je. Und als in der vergangenen Woche ein Streik die Baseball-Liga lahm zu legen drohte, stand fast die ganze Nation Kopf.

Doch nach einer Umfrage des Fernsehsenders CNN geben 52 % der US-Bürger an, dass in Amerika keine Normalität eingekehrt sei. Auf die Frage, ob dies jemals passieren werde, antworten 54 % mit Nein. "Es wird nicht ein oder zwei Jahre dauern, sondern Jahrzehnte, bis wir verstehen, was die Attentate für unsere Generation bedeuten", prophezeit der Schauspieler Tom Hanks.

Nervosität verbirgt sich hinter Gewohnheiten


Die Nervosität verbirgt sich oft hinter scheinbar harmlosen Gewohnheiten. Der Buchhalter Jim Barden aus Kansas City geht zum Beispiel einige Stunden vorher zum Flughafen, als er eigentlich müsste. "Bei lauten Geräuschen zucke ich zusammen", räumt er ein. Bevor Edward Carroll aus Washington in die Metro steigt, sucht er mit seinen Blicken den Bahnsteig ab. "Ein Reflex auf die Lautsprecher-Durchsage, dass man auf verdächtige Gegenstände achten soll", betont er. "Du bist auf einmal wachsam, ohne es zu wissen."

Die Sicherheitskontrollen in den USA wurden drastisch verschärft. Auf Flughäfen, bei Sportveranstaltungen, in Freizeitparks oder auf öffentlichen Plätzen müssen sich die Besucher gefallen lassen, dass ihre Rucksäcke nach Waffen durchkämmt werden. "Ich habe damit kein Problem, so ist eben das Leben", meint die 40-jährige Heidi Wolfrum, die einen Nachmittag im Disney-Abenteuerpark im kalifornischen Anaheim verbringt. All diese Kontrollen heben bei der Bevölkerung aber nicht unbedingt das Gefühl der Sicherheit. Nach einer AP-Umfrage halten 63 % einen weiteren Terrorakt in den USA für möglich.

Durch die unterschwellig empfundene Bedrohung rücken die Menschen enger zusammen. Geschäftsreisende, die früher von Termin zu Termin hetzten, entdecken auf einmal die Familie. "Vor dem 11. September waren die Manager pausenlos unterwegs", unterstreicht Scott Solombrino, Präsident eines großen Limousinen-Dienstes. "Mittlerweile sagen sich viele: Es gibt noch ein anderes Leben, als sieben Tage pro Woche auf der Straße zu sein." Und der Feuerwehrmann Jerry Stenton aus Columbus im Bundesstaat Indiana fügt hinzu: "Die Leute sind freundlicher geworden - da ist ein neuer Sinn für Nähe."

Trend zu einem Wertewandel


Meinungsforscher bestätigen den Trend zu einem Wertewandel. "Amerika ist in der Stunde der Not großzügiger, religiöser und patriotischer geworden", erklärt Karlyn Bowman vom American Enterprise Institute, einer einflussreichen Denkfabrik in Washington. Vor dem 11. September hätten 38 % der US-Bürger die Nationalflagge zur Schau gestellt, so Bowman. Danach sei die Zahl auf 82 % angestiegen. Im Juni hätten sich aber immerhin noch 65 % zum Sternenbanner bekannt. Der neu erwachte Patriotismus strahlt auch auf den Präsidenten Bush ab: "Die Amerikaner scharen sich hinter Bush, weil sie von einem starken Präsidenten Schutz erwarten", sagt Bill Schneider, politischer Analyst bei CNN.

Doch die demonstrative Überlegenheit beruht zum Teil auch auf Verdrängung. An das Trauma, dass die einzig verbliebene Supermacht ins Herz getroffen wurde, wollen die meisten Amerikaner nicht erinnert werden. Nach einer CNN-Umfrage sprechen sich nur 44 % der US-Bürger dafür aus, den 11. September zum Gedenktag zu machen. 51 % lehnen dies ab.

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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