Stimmung in der deutschen Wirtschaft massiv verschlechtert
Ifo-Geschäftsklima-Index eingebrochen

Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft hat sich im September dramatisch verschlechtert und damit nach Ansicht von Analysten das Risiko einer Rezession in Deutschland erhöht.

rtr MüNCHEN. Der an den Finanzmärkten viel beachtete Ifo-Geschäftsklima-Index für Westdeutschland sei im September auf 85,0 von 89,5 Punkten im August gesunken, teilte das Münchener Wirtschaftsforschungsinstitut am Freitag mit. Dies ist der tiefste Stand seit rund acht Jahren. Die Daten wurden erstmals komplett nach den Anschlägen in den USA erhoben. Ifo-Volkswirt Gernot Nerb bezeichnete den Einbruch als "Überreaktion". Der Index wird nach Expertenansicht aber den Druck auf die EZB erhöhen, bereits bei der nächsten Ratssitzung am Donnerstag die Zinsen zu senken. Euro und Dax reagierten zeitweise mit Kursverlusten, erholten sich aber wieder.

Von Reuters befragte Experten hatten einen Rückgang des Konjunkturbarometers auf 88,1 Punkte erwartet. "Damit hat wirklich keiner gerechnet...Eine Rezession in Deutschland kann man jetzt nicht völlig ausschließen", sagte Christoph Hausen von der Commerzbank. Der Index Geschäftserwartungen für die alten Bundesländer sank auf 90,6 von 95,9 Punkten im Vormonat. "Der Rückgang beim Erwartungsindex ist besonders enttäuschend, es gibt also keinen Hoffnungswert", sagte Hausen.

Der Index-Einbruch ist nach Einschätzung von Ifo-Volkswirt Gernot Nerb wohl eine "Überreaktion" infolge der Anschläge vom 11. September in den USA. Es sei noch nicht abzusehen, ob der Rückgang nur eine Unterbrechung des vorherigen Trends sei, der eher auf eine Erholung hingedeutet habe, oder dauerhaft sein werde, sagte Nerb in einem Reuters-Interview. Der Erwartungsindex sei wahrscheinlich so stark zurückgegangen, weil es für die Unternehmen schwierig sei abzusehen, wann sich die Situation wieder normalisiere. "Wenn nichts ganz dramatisches passiert, wird sich der Abwärtstrend zumindest in dieser Intensität in den kommenden Monaten wohl nicht fortsetzen", prognostizierte Nerb. Auch Uwe Angenendt von der BHF Bank sprach von einer "Überreaktion nach den Anschlägen in den USA".

Der Index der Geschäftsbeurteilungen in Westdeutschland sank den Angaben zufolge im September auf 79,6 von revidiert 83,2 (83,3) Punkten im August. In Ostdeutschland ging der Geschäftsklima-Index auf 96,6 von revidiert 101,3 (101,4) Punkten zurück.

Der Euro fiel in Reaktion auf den unerwartet schwachen Index zeitweise deutlich unter die Marke von 0,90 Dollar. Gegen 11.10 Uhr MESZ kostete ein Euro nach einer leichten Erholung 0,9001/04 Dollar, nach rund 0,9015 Dollar vor der Veröffentlichung. Der Dax rutschte kurzzeitig unter die Marke von 4500 Punkten, erholte sich jedoch wieder etwas auf 4523 Punkte. Der Aktienindex tendierte damit aber immmer noch gut 1,0 % schwächer als am Vortag.

Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD) hatte erst am Donnerstag die Wirtschaftserwartungen für Deutschland drastisch nach unten korrigiert. Eichel hatte am Vortag gesagt, er rechne für dieses Jahr nur noch mit einem Wachstum des Brutto-Inlandsproduktes (BIP) von 0,75 statt bisher zwei Prozent. Auch 2002 werde die wirtschaftliche Entwicklung deutlich hinter den von der Bundesregierung prognostizierten 2,25 % zurückbleiben und "irgendwo zwischen einem und 1,5 % liegen". Das schwach ausgefallene Konjunkturbarometer macht nach Einschätzung der Experten eine baldige Leitzinssenkung der Europäischen Zentralbank (EZB) deutlich wahrscheinlicher. "Die neuen Zahlen erhöhen den Druck auf die EZB zu einer Leitzinssenkung...Auch aus psychologischen Gründen sollte die EZB mit der Zinslockerung nicht zu lange warten", sagte Angenendt.

Bereits im August war der Ifo-Index leicht gesunken. Zuvor hatte das Konjunkturbarometer im Juli überraschend erstmals seit sechs Monaten zugelegt, nachdem es im Juni den tiefsten Stand seit fast fünf Jahren erreicht hatte. Eine Umfrage des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) hatte im Gegensattz zum Ifo-Index eine leichte Stabilisierung der Erwartungen im Oktober ergeben. Das ZEW befragt Analysten und institutionelle Anleger, während das Ifo seine Daten bei den Unternehmen direkt erhebt.

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