Stimmungseinbruch kostet 20 000 Stellen
Pessimismus im deutschen Handel

Der deutsche Einzelhandel hat seine ursprünglichen Wachstumserwartungen für dieses Jahr revidiert und sieht Deutschland am Rande einer Rezession.

Reuters BERLIN. Im dritten Quartal werde das Bruttoinlandsprodukt erstmals seit langem real sinken, prognostizierte der Präsident des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels (HDE), Hermann Franzen, am Montag in Berlin. "Damit stehen wir am Rande einer Rezession." Der Einzelhandel, der für 2001 ursprünglich zwei Prozent Wachstum erwartet hatte, spüre den Stimmungseinbruch nach den Anschlägen in den USA massiv. Daher werde im laufenden Jahr der Umsatz preisbereinigt wohl um 0,5 % und im nächsten Jahr sogar um 1,5 % sinken. Die Einbußen kosteten im Einzelhandel in diesem Jahr rund 20 000 Stellen.

Franzen sprach von einer wirtschaftlich äußerst kritischen Situation und einer Besorgnis erregenden Lage. Der Einzelhandel, der nach den Anschlägen am 11. September zunächst keine Anzeichen für ein verändertes Konsumentenverhalten gesehen hatte, spüre den Stimmungseinbruch nun deutlich. "Der Oktober sieht so aus, dass wir sogar ein zweistelliges Umsatzminus haben könnten", sagte der HDE-Hauptgeschäftsführer Holger Wenzel. Der Verband habe daher seine ursprüngliche Prognose, mit 2001 im vierten Jahr in Folge ein Wachstum vorweisen zu können, endgültig revidiert.

Diese neue Schätzung eines preisbereinigten Rückgangs beim Umsatz von 0,5 % für 2001 liege durchaus noch auf der optimistischeren Seite, sagte Franzen. Falls die Zahlen im Oktober mit zweistelliger Rate einbrechen sollten und das Weihnachtsgeschäft, für das der Verband nunmehr einen Rückgang von drei Prozent erwarte, noch schlechter ausfalle, sei auch der genannte Schätzwert kaum mehr zu halten.

Entscheidend zur Verschlechterung der Aussichten hätten die Anschläge in den USA und in der Folge die Militärschläge der USA gegen die Taliban-Regierung in Afghanistan beigetragen. Noch kurz nach den Anschlägen habe man den Eindruck gehabt, dass die Konsumenten gelassen reagierten. "Inzwischen sind wir skeptischer geworden", sagte Franzen. Die Menschen sparten mehr und konsumierten weniger. Für das wichtige Weihnachtsgeschäft drohe zudem die zusätzliche Beeinträchtigung, dass einige Firmen bereits Kürzungen beim Weihnachtsgeld angekündigt hätten.

Dem Statistischen Bundesamt warf der HDE vor, mit jüngst genannten Einzelhandelszahlen die tatsächliche Umsatzentwicklung schönzureden. Dass das Amt seine Halbjahresumsatzzahlen für den Einzelhandel im ersten Halbjahr von plus 1,7 % unerwartet auf 2,8 % nach oben korrigiert habe, sei für den Verband nicht nachvollziehbar. Diese neue Zahl widerspreche auch den Informationen des HDE aus dem Handel selbst. Das Amt rechne damit den Einzelhandel künstlich reich. Als Reaktion kündigte Franzen an, ab dem Frühjahr alle vier Wochen eigene statistische Zahlen zu veröffentlichen. "Mit einem Zahlenwerk, dass erkennbar falsch ist, ist niemandem gedient", sagte Franzen.

Franzen forderte die Bundesregierung auf, die geplante Anhebung der Tabak- und Versicherungssteuer sowie die für Anfang 2002 anstehende Ökosteuer-Anhebung fallen zu lassen und Steuerentlastungen vorziehen. Konjunkturprogramme, wie sie die Gewerkschaften forderten, lehnte er ab.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%