Stockender Wiederaufbau erzürnt Iraker
Wenn es Nacht wird, beginnt die Operation Wüstenskorpion

Where is the democratic, Uncle Sam?" - schon die Sprache verstößt gegen die Regeln der Besatzer. Mit eilig auf Bettlaken gemalten Sätzen protestieren auch an diesem Tag wieder Hunderte Geistliche und Demonstranten gegen die Befreier, die sie zunehmend als Besatzer empfinden. Die Iraker stehen unweit einer mit türkisgrünen Kacheln und arabischen Ornamenten reich verzierten Moschee im Zentrum Bagdads. Sie schwenken Spruchbänder und tragen mit lauten Schreien vor einer US-Panzerstellung ihre Forderung nach Mitbestimmung über das Schicksal ihres Landes vor. Über ihren Köpfen schwenken sie Porträts von Ayatollahs.

HB BAGDAD. Die Demonstrationen aufgebrachter Iraker gegen die US-Verwaltung finden fast täglich statt, und inzwischen sprechen auch die Waffen. Am Mittwoch wurden bei einer Demonstration zwei Iraker getötet, als sie vor dem ehemaligen Palast Saddam Husseins, in dem jetzt die amerikanische Übergangsverwaltung residiert, US-Soldaten mit Steinen bewarfen. Ein amerikanischer Marine eröffnete daraufhin das Feuer. Zuvor war ein Kamerad getötet worden, der aus einem vorbeifahrenden Auto beschossen wurde, als er vor einer Gasverteilstelle Wache schob. Gestern wurde wieder ein amerikanischer Soldat getötet. Beim Angriff mit einer Panzerfaust wurden zudem zwei seiner Mitfahrer in dem Auto verletzt.

Seit dem erklärten Ende der Hauptkampfhandlungen Anfang Mai sind 17 US-Soldaten bei Angriffen, 36 weitere durch Unfälle ums Leben gekommen, teilte das US-Verteidigungsministerium mit. Die Armee macht militante Anhänger des gestürzten Präsidenten Saddam Hussein dafür verantwortlich.

Die Nerven liegen blank

Die Nerven liegen blank im ehemaligen Saddam-Prunkpalast, wo im Ballsaal unter grünen Malachitsäulen mit Goldfiguren US-Soldaten ihre Stahlbetten aufgestellt haben. Ventilatoren kämpfen gegen den heißen Wüstenwind, der durch die Türen hereinzieht. "Wenn es mit den Demonstrationen so weitergeht, müssen wir etwas tun. Obwohl wir natürlich nicht vorhaben, die Meinungsfreiheit einzuschränken", hatte ein hochrangiger Vertreter der "Koalition der Übergangsverwaltung" am Vorabend der tödlichen Schüsse auf Demonstranten erklärt.

"Operation Wüstenskorpion" - unter diesem Namen läuft der Versuch der Amerikaner, den aufkeimenden irakischen Widerstand zu brechen. Schon sei Sonntag sticht der Wüstenskorpion immer nachts zu. Die amerikanische Gattung dieses Killertierchens setzt dabei Hubschrauber, Panzer und Maschinenpistolen ein. So reagieren die US-Truppen auf Angriffe von unbekannten auf die Besatzungsstreitmacht. Die Soldaten durchkämmen ganze Stadtviertel, vor allem im Norden Bagdads.

Mehr als 100 Iraker sind dabei nach US-Angaben getötet worden. Attackiert wie durch Skorpionstiche fühlen sich dabei aber immer wieder unschuldige Zivilisten, in deren Ziegelhütten und Lehmhäuser amerikanische Soldaten angeblich brutal eindringen und die Bewohner traktieren sollen. "Sie kamen nachts in unser Haus, traten die Tür ein, wühlten die Zimmer durch. Sogar die, wo unsere Frauen schliefen", ereifert sich ein langbärtiger Mann, der in seinem arabischen, knöchellangen Männerkleid inmitten der Demonstranten steht, die gegen die US-Besatzung protestieren. "Auch Moscheen, unser Heiligtum, stürmen dreckige Soldaten einfach", brüllt er und fuchtelt zornesrot mit den Armen.

Zahlreiche Razzien

Von 1 500 inzwischen Festgenommenen allein in Bagdad sprechen Vertreter der Koalitionsregierung bereits, die sich selbst "Besatzungsmacht" nennt. Allein in den letzten Tagen wurden bei Razzien in und nördlich von Bagdad fast 400 Personen verhaftet. US-Soldaten beschlagnahmten dabei zahlreiche Schusswaffen, Granaten, Sprengstoff und mehrere Millionen Dollar.

"Bisher haben sie für Freilassungen von Gefangenen demonstriert, jetzt gehen sie für politische Mitentscheidung über ihr Land auf die Straße", hat Sergeant James Light ausgemacht, der mit seinem Panzer hinter Stacheldrahtrollen vor dem Sheraton-Hotel, gegenüber den Demonstranten, steht. Es ist 47 Grad heiß, die Schweißperlen tropfen ihm unter dem Helm hervor, normalerweise ist er bei Freiburg stationiert, im gemäßigten Klima Südbadens. "Sie kommen inzwischen fast jeden Tag, das ist ihr gutes Recht", meint der 26-Jährige, während er Kamerateams bestimmt hinter die Absperrung verweist.

Trümmerfelder anstatt Wohnungen

Zwar trauert hier fast niemand Saddams Schreckensregime hinterher, aber ein glückliches, befreites Land sieht anders aus. Es stinkt wie aus Latrinen, wenn man durch Bagdads Nebenstraßen streift. Trümmerfelder machen sich da breit, wo einst Häuser standen. Einschüsse oder von Plünderern gelegte Brände haben vormalige Verwaltungsgebäude tödlich verwundet. Noch immer steigen schwarze Wolken auch tagsüber aus angesteckten Häusern, nachts fallen in der Hauptstadt Schüsse marodierender Banden. Wiederaufbau?

"Die Amerikaner hocken in Saddams Palästen und denken nach, wie es weitergehen soll. So lange passiert gar nichts. Wir bekommen keine Verträge mehr, denn der Irak ist ja jetzt Teil Amerikas", sagen frustriert zwei junge Russen, die bislang ihr Geld mit dem Öl-für-Lebensmittel-Programm der Vereinten Nationen im Irak verdient haben. Russische Firmen hatten zu Saddams Zeiten den größten Anteil dieser Uno-Hilfen bekommen. Jetzt sei der Hahn zugedreht - obwohl der Sicherheitsrat eine Verlängerung des Programms beschlossen hat.

In Privatwohnungen ist man nicht mehr sicher

"Wenn die Amis in dem Tempo weiter entscheiden, haben sie in ein paar Wochen einen veritablen Bürgerkrieg am Hals", meint einer der beiden Geschäftemacher, kahl geschoren wie russische Soldaten in Tschetschenien. Sie wollen morgen Bagdad verlassen - mangels Perspektiven. So lange sind sie im Sheraton- Hotel abgestiegen, denn da stehen zwei US-Panzer als Sicherheit davor. In ihren Privatwohnungen, die sie zuvor bewohnten, fühlten sie sich nachts nicht mehr vor bewaffneten Einbrechern und Plünderern sicher.

Die beiden Männer fühlen sich ein wenig an Russlands Besatzerarmee in Tschetschenien erinnert, auch wenn die US-Truppen bei ihrem Vorrücken sehr viel besonnener vorgegangen waren und zivile Opfer möglichst vermieden hatten. Doch eine Gemeinsamkeit gebe es: "Tagsüber haben sie mit Patrouillen und Posten die Stadt im Griff, nachts ziehen sie sich in ihre Paläste zurück, und die Metropole gehört dem Mob." Und seit Sonntag auch der "Operation Wüstenskorpion".

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