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Stockholm staunt

Pech hat er schon, der Bundeskanzler. Das Pech des falschen Standorts vielleicht. Da wird gestreikt, was das Zeug hält, die Gewerkschaftskumpels haben derzeit ausschließlich Pekunäres im Sinn. Alle Knüppel, die noch irgendwo aufzutreiben sind, werden der Regierung zwischen die Beine geworfen.

Wenige Monate vor den Wahlen muss sich Schröder mit den ihm eigentlich doch nahestehenden Gewerkschaften herumprügeln, muss mit ansehen, wie seine Wirtschaftskompetenz zumindest von den Arbeitnehmer-Vertretungen untergraben wird. Auch wenn es immer wieder tönt, man wolle zusammenstehen, ist vom großen Schulterschluss nur wenig zu spüren.

Welch Glück hat da doch Parteigenosse Göran Persson aus Schweden. Der Regierungschef steht ebenfalls vor Wahlen im September. Doch mit nordischer Kühle, statt mit ruhiger Hand kann sich Persson schon jetzt zurücklehnen.

Keine Palastrevolte, keine Spendenskandale. Und der Hausfrieden mit den mächtigen schwedischen Gewerkschaften ist auch gesichert. Arbeitskämpfe - Fehlanzeige. "Ich bin stolz, aber nicht zufrieden", verkünden in diesen Tagen Mitglieder des Gewerkschaftsbunds LO auf sämtlichen Littfasssäulen des Landes, um die nüchterne Feststellung mit der Aufforderung zu schließen, im September die Stimme den Sozialdemokraten zu geben. Ein leichtes Spiel für Persson.

Auch in Schweden ist nicht alles Gold, was glänzt, gibt es Arbeitslose und Defizite im Schul- und Pflegebereich. Dennoch kommen die Sozialdemokraten derzeit auf mehr Stimmen als die gesamte Opposition zusammen. Schweden als letzte Bastion einer angeschlagenen europäischen Sozialdemokratie? Das unbeirrbare Streben nach Konsens hat das möglich gemacht, aber auch die Einsicht, dass man am gleichen Strang ziehen muss, will man etwas erreichen.

Stockholm staunt. Über die plumpen Versuche der kleinen liberalen Partei in Deutschland nach Stimmenfischen am rechten Ufer ebenso wie über das Unvermögen der deutschen Gewerkschaften, Geschlossenheit mit den Genossen zu demonstrieren.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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