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Störfall im Südwesten

Utz Claassen räumt beim Energiekonzern EnBW auf

Dies ist eine Geschichte von Utz Claassen. Sie geht so: Ein dunkler Phaeton rollt durch Oberschwaben. Wiesen fliegen vorüber, Seen locken mit ihrem Blau. Es ist Sommer. Am Steuer des Wagens sitzt eine schlanke Frau mit Brille, daneben eine ältere Dame. Doch in dieser Geschichte kommt es auf den Mann im Fond an. Er ist groß und dick und kommt aus Niedersachsen. Er arbeitet an seiner Post. Gleich wird die Limousine an einem Landratsamt halten;der Landrat wird zur Tür eilen, den Mann begrüßen. Der Mann im Fond ist Chef des drittgrößten deutschen Energieversorgers EnBW, der andere vertritt einen seiner Großaktionäre. So verbringt Utz Claassen den Urlaub mit Frau und Mutter.

Dies ist eine andere Geschichte von Utz Claassen. Sie geht so: Es ist Anfang Juli. Die fünf Vorstandsmitglieder von EnBW treffen sich wie jeden Dienstag. Doch dieser Tag ist ein besonderer. Der Vorstandsvorsitzende verkündet ein paar Zahlen, die zeigen sollen, dass EnBW zum Störfall im Südwesten geworden ist: Vorsteuerverlust 2003 voraussichtlich eine Milliarde Euro, Altlasten von fast 1,3 Milliarden. In die Stille hinein sagt er: "Passt auf, wir machen jetzt zehn Minuten Pause. In den zehn Minuten reflektieren wir, dass das erdgeschichtlich nicht bedeutsam ist. Wenn in 100 Millionen Jahren unsere Knochen ausgegraben werden und einer sagt: ,Mensch, damals sind sie auf zwei Beinen gelaufen?, wird diese Sitzung lange vergessen sein." So arbeitet Utz Claassen, 40. Beide Geschichten stammen von ihm selbst. Und sie haben dieselbe Botschaft: Ich bin immer für die Firma da, bleibe ein unkomplizierter Kerl (der seine Mutter liebt) und ein netter Mensch (der bei allem Tagesverdruss doch weit in die Zukunft schaut).

Utz Claassen arbeitet an seinem Ruf. Noch keine vier Monate führt er den süddeutschen Energieversorger, schon hat ihm das Manager-Magazin den Orden "Deutschlands härtester Manager" verliehen. Leute, die sein Wirken für EnBW zu spüren bekommen haben, sagen es so: "Unter den Führungskräften, die ja das Rückgrat des Konzerns sind, verbreitet er derzeit Angst und Schrecken." Als Finanzvorstand bei Seat half er kräftig mit, die Zahl der Führungskräfte zu halbieren, beim Göttinger Biotech-Spezialisten Sartorius tauschte er als Vorstandschef 40 leitende Manager aus. Bei EnBW kippten schon zwei Vorstände und andere wichtige Leute wie Yello-Chef Michael Zerr. Doch das wird?s nicht gewesen sein. Die Führungskräfte erreichte jetzt die schriftliche Warnung einer Personalberatung, Claassen arbeite am "historisch größten Management-Shake-out".

Letzterer arbeitet jetzt als Berater für Claassen. Denn Claassen soll aufräumen, das ist sein Job. Großaktionär Electricité de France (EDF), selbst in Schwierigkeiten, verlangt eine rasche Sanierung. EDF-Chef François Roussely setzt Claassen unter Druck. Die Ertragslage müsse sich "kurzfristig" verbessern, heißt es in der Zentrale. Doch zu fürchten braucht Utz Claassen die Großaktionäre nicht, auch nicht die oberschwäbischen Landräte, die den anderen Großaktionär, die OEW, im Aufsichtsrat vertreten. Sie lassen sich nur mit Bestnoten zitieren: "Der Richtige zum richtigen Zeitpunkt", sagt Siegfried Tann, Landrat des Bodenseekreises. Ein Kollege Tanns lobt, der Vorstandschef bereite die Probleme "logisch und klar" auf.

Als er von seinem Führungsstil erzählt, hört es sich nicht so an, als leide er mit den Ängstlichen. Im Gegenteil: "Ein in Deutschland außerordentlicher Manager, der auch mein Vorbild ist, hat zu mir sinngemäß gesagt: Es ist viel sozialer, man zieht die Menschen, die eine Situation zu verantworten haben, zur Rechenschaft, als dass man die einfachen Menschen an der Basis zur Rechenschaft zieht." Das Vorbild heißt Ferdinand Piëch. In einem zweieinhalbstündigen Gespräch nennt Claassen dann noch genau zwei andere Manager, die er bewundert. Auch sie gelten als knallhart:

Quelle: Pablo Castagnola
Christoph Hardt
Handelsblatt / Ressortleiter
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