Stoiber ist ein Siegertyp - Merkel wirkt aber glaubwürdiger: Wahlforscher trauen Stoiber mehr zu

Stoiber ist ein Siegertyp - Merkel wirkt aber glaubwürdiger
Wahlforscher trauen Stoiber mehr zu

Mit einem Kanzlerkandidaten Edmund Stoiber hätte die Union nach Ansicht von Wahlforschern bessere Chancen als mit der CDU-Chefin Angela Merkel, Rot-Grün abzulösen.

Reuters KREUTH. Wenn bis zur Bundestagswahl in acht Monaten kein Wirtschaftsaufschwung einsetze, könne Bayerns Ministerpräsident als Macher unentschlossene und durch die Rezession verunsicherte Wähler mobilisieren, sagt der Passauer Politik-Professor Heinrich Oberreuter. "Merkel fehlt die Kompetenz für Wirtschaftspolitik." Auch der Göttinger Wahlforscher Peter Lösche traut Stoiber bessere Wahlchancen zu als Merkel.

Nach Angaben der Forschungsgruppe Wahlen sehen die Wähler Stoiber als einen Siegertypen und attestieren ihm mehr Tatkraft und Wirtschaftskompetenz. In Umfragen liegt Merkel schon seit Monaten hinter dem CSU-Chef. Allerdings wäre Stoiber für Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) als Gegner erstrebenswerter, betont der Mainzer Wahlforscher Jürgen Falter: "Schröder kann Merkel als Frau nicht so heftig angreifen wie Stoiber." Merkel sei auch schwerer einzuschätzen.

Die Union wittert Morgenluft, seitdem Rot-Grün nach jüngsten Umfragen keine Mehrheit mehr hätte, wenn jetzt Bundestagswahl wäre. Das Institut Emnid sah etwa Anfang Januar die SPD mit 38 % und CDU/CSU mit 37 % fast gleich auf. Stoiber, der sich wie Merkel zu einer Kanzlerkandidatur bereit erklärt hat, sagte am Dienstag bei der CSU-Landesgruppenklausur in Kreuth, beide Volksparteien könnten noch auf über 40 % kommen.

Rezession lässt Regierung schlechter dastehen

Nach den Anschlägen in den USA habe es zunächst so ausgesehen, als ob sich die Menschen hinter die Regierung scharten, sagte Oberreuter, auch Direktor der Akademie für Politische Bildung in Tutzing. Inzwischen hätten viele aber offenbar den Eindruck, Schröder fehle es mit seiner "Politik der ruhigen Hand" an Konzepten gegen die Rezession. "Die Stimmung hat sich gedreht, und davon profitiert in erster Linie Stoiber."

"Das Rennen ist noch lange nicht entschieden", sagt auch der Wahlforscher Lösche mit Blick auf die Wahl. Da die Wirtschaft das Hauptthema im Wahlkampf werden dürfte, könne Stoiber hier seine Kompetenzen zeigen. Je weiter es mit der Konjunktur bergab gehe, desto größere Chancen habe die Union mit dem CSU-Chef, sagt Lösche. Mit Merkel habe die Union schlechtere Aussichten, weil es der Politikerin an Regierungserfahrung fehle.

Stoiber beweist in Bayern Wirtschaftskompetenz

Lösche sieht in Stoibers Wirtschaftspolitik eine Gefahr für die Schröder, weil sie auch SPD-Wähler anspreche. "Stoiber betreibt eine klassische sozialdemokratische Industriepolitik mit viel Subventionen für die Ansiedlung von Unternehmen", sagt er. So hat Bayern Privatisierungserlöse verstärkt genutzt, um Investoren anzulocken. Im Raum München siedelten sich im "Isar-Valley" 30 000 Firmen an, Unternehmen wie Apple, Cisco oder Microsoft legten sogar ihre Europa-Zentralen in die Region. Im nahe gelegenen Martinsried entstand das führende Biotechnologiezentrum in Deutschland. Beim Export liegt Bayern mit Baden-Württemberg vorne.

"Stoiber hat gezeigt, dass eine Regierung auch in Zeiten der Globalisierung regionale Spielräume hat, um zu gestalten", sagt Oberreuter. Die Union müsse im Wahlkampf nun herausstellen, dass dieser Erfolg ihrer Meinung nach auf den Bund übertragbar sei. "Das muss noch stärker werden." Wie nervös Schröder sei, zeige sich daran, dass die Regierung den Vorschlag forciere, Kombi-Löhne im Niedriglohnsektor einzuführen.

Voraussetzung für eine erfolgreiche Kandidatur Stoibers sei aber, dass er sich schnell mit Merkel einige. "Wenn die K-Frage nicht bald einvernehmlich entschieden ist, hat die Union ein nachhaltiges negatives Image", sagt Oberreuter. Nur wenn die CDU und auch Merkel geschlossen hinter Stoiber stünden, habe die Union eine Chance, betont Falter. Entscheidend sei, dass die CSU zudem die Fehler der Kandidatur ihres früheren Vorsitzenden Franz Josef Strauß 1980 vermeide. Strauß habe damals seinen Wahlkampf aus München und nur in loser Absprache mit der CDU geführt. "Stoiber müsste seinen Wahlkampf von Berlin planen, auch um die neuen Länder zu erreichen", sagt Falter.

Merkel wirkt glaubwürdiger als Stoiber

Dieter Roth von der Forschungsgruppe Wahlen sieht Merkel in Sachen Glaubwürdigkeit im Vorteil. 24 % der Wähler hielten sie für die glaubwürdigere Alternative, bei Stoiber seien es 15 %, sagte Roth dem "Handelsblatt". Der Vorsprung sei aber nicht so klar, dass Merkel darauf eine Strategie aufbauen könne.

Ein Manko hätte der CSU-Chef aus Lösches Sicht im Vergleich zu Merkel allerdings bei Wählerinnen. "Erfahrungsgemäß können Frauen besser Frauen als Wähler mobilisieren", sagt der Forscher. Mit Merkel würde die Union etwa 1,5 %punkte mehr Stimmen bei Frauen holen - vor allem in Ostdeutschland, meint Lösche. Allerdings könne Merkel am rechten Rand, etwa bei Anhängern der Schill-Partei, mindestens genauso viel verlieren. Stoiber könne dafür wegen seiner Herkunft im Norden weniger ankommen als Merkel. Für Lösche ist der Saldo eindeutig: "Unter dem Strich hat die Union mit Stoiber die besseren Chancen.

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