Stoiber: Kanzlerkandidat aus Pflichtgefühl

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Stoiber: Kanzlerkandidat aus Pflichtgefühl

Mit Edmund Stoiber wird erstmals seit 22 Jahren wieder ein Bayer Anlauf aufs Kanzleramt nehmen. Dass der CSU-Chef und bayerische Ministerpräsident sich im unionsinternen Ringen gegen die CDU-Vorsitzende Angela Merkel durchsetzen konnte, verdankt er vor allem seinem Macher-Image.

dpa MÜNCHEN. Dem 60-Jährigen wird auch bei der Schwesterpartei CDU mehrheitlich zugetraut, die zentralen Wahlkampfthemen Wirtschaft und Arbeitsmarkt offensiv zu vertreten. Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) bekommt mit dem CSU - Vorsitzenden einen Herausforderer, der ihm in mancher Beziehung nicht unähnlich ist. Auch Stoiber ist von Machtbewusstsein und dem unbedingten Willen zum Erfolg getrieben, wenngleich ihm die lockere Art etwa im Umgang mit den Medien fehlt. Die SPD erwartet mit ihm einen stark polarisierenden Wahlkampf, mancher Merkel-Anhänger befürchtet einen Rechtsruck der Union.

Ausgerechnet die Spendenaffäre der CDU hatte dem aus einfachen Verhältnissen stammenden Oberbayern bundesweit Auftrieb verschafft. Er empfahl die seit 1999 von ihm geführte CSU als stabilen Teil im wankenden Unionsgefüge. Mit einem scharfen Konfrontationskurs gegen Rot-Grün übernahm er von München aus immer wieder die Rolle des heimlichen Oppositionsführers in Berlin und punktete so zunehmend auch bei der CDU.

Seinen wirtschaftspolitischen Ruf hat sich der ehrgeizige Einserjurist als erfolgreicher Manager der "Bayern AG" erworben. Seit 1993 Ministerpräsident, prägte er unter dem Motto "Laptop und Lederhose" das Bild des Freistaats als traditionsbewusstes High-Tech-Land. Mit niedrigen Arbeitslosenzahlen, geringer Verschuldung und hoher Investitionsquote steht Bayern bundesweit als Musterschüler da.

Den Posten des Regierungschefs hatte der damalige bayerische Innenminister Stoiber im Mai 1993 von Max Streibl (CSU) übernommen, der im Zuge der "Amigo-Affäre" um Freiflüge und Gratisreisen zurücktreten musste. Obwohl zeitweise selbst vom Affären-Strudel bedroht, zog Stoiber einen demonstrativen Schlussstrich unter Politikerprivilegien und "Spezlwirtschaft" vergangener Zeiten.

Damit nahm der am 28. September 1941 im oberbayerischen Oberaudorf geborene Kaufmannssohn auch ein Stück Abstand von seinem politischen Ziehvater Franz Josef Strauß. 1978 hatte der legendäre "FJS" den damals weitgehend unbekannten Landtagsabgeordneten zum Generalsekretär der Partei berufen - aus dieser Zeit stammt Stoibers Ruf als "Wadlbeißer". Später avancierte er zum Chef der Staatskanzlei und einem der engsten Vertrauten von Strauß.

Seit dessen missglückter Kanzlerkandidatur 1980 weiß Stoiber, wie entscheidend es für einen CSU-Mann auf den Rückhalt in der CDU ankommt. Dies war auch der Grund, warum der Parteichef in Sachen Kanzlerkandidatur über Monate hinweg zögerte und zauderte. "Es ist sicher nicht mein Lebensziel, Kanzler der Republik zu sein", versicherte er noch am Donnerstag. Intern ließ er erkennen, das zunehmende Drängen aus der CDU, aber auch von Wirtschaftsvertretern habe ihn schließlich umgestimmt.

Rastlose Arbeitswut und ein sicheres Gespür für populäre Themen gehören zu Stoibers Markenzeichen. Bundesweit profilierte er sich immer wieder mit weißblauen Alleingängen und einer harten Linie in der Ausländer-, Europa- und Sicherheitspolitik. Dass er im Rest der Republik auf landsmannschaftliche Vorbehalte stoßen könnte, mögen seine Berater nicht glauben. Tatsächlich fehlt dem oft eher "preußisch" wirkenden Pflichtmenschen zumindest die bajuwarisch- lebenslustige Ader.

Bei einer Reihe von landespolitischen Affären während seiner Regierungszeit geriet er gelegentlich auch selbst unter Druck. So warf ihm die Opposition vor, für das 500-Millionen-Mark-Desaster bei der halbstaatlichen Wohnungsbaugesellschaft LWS verantwortlich gewesen zu sein. Zuletzt sorgte die angebliche Spendenaffäre der CSU um Patenschaftsabos für ihr Parteiblatt "Bayernkurier" für Schlagzeilen. Nachhaltig geschadet haben die Vorwürfe Stoiber bisher nicht.

Rückhalt findet der gläubige Katholik in seiner Familie. Ehefrau Karin ist als zurückhaltende, charmante "Landesmutter" eine unermüdliche Begleiterin. Auch zu seinen drei Kindern und zwei Enkeln hat Stoiber einen guten Draht. Als Alternative zur Politik könne er sich das Amt des FC Bayern-Präsidenten vorstellen, gestand der notorische Fußballfan einmal. Damit dürfte es jetzt zunächst vorbei sein.

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